Werkzeuge für die Digitalisierung: Tools für eine erfolgreiche Transformation

Lesezeit ca. 4 Minuten
Text: Stefan Bottler
Fotos: Matthias Schmiedel

Der Ulmer Logistikdienstleister C. E. Noerpel GmbH packt die digitale Transformation beherzt an. Die Lösungen, die das Unternehmen mit ausgesuchten Werkzeugen für die Digitalisierung realisiert hat, sollen Mitarbeitern und Kunden einen schnellen Nutzen bescheren. Im Fokus stehen deshalb die Steuerung von Lagerabläufen mit Leitstellen, der Ersatz vorhandener Speditionssoftware durch eine unternehmensweite Lösung sowie der Aufbau eines modernen Datenmanagements.

Kunststoffgranulate, Gartenschläuche oder Wasserhahnadapter – um die Produktion des Gartenartikelherstellers Gardena mit allen benötigten Rohwaren zu versorgen, geht es am Standort von C. E. Noerpel in Ulm auf etwa 46.000 Quadratmetern rund: Ein moderner Logistics Control Tower (LCT) plant und koordiniert dort alle Abläufe im Lager – eine gewaltige Aufgabe, denn schließlich wickelt Noerpel hier einen Großteil der Produktionslogistik und Teile der Distributionslogistik von Gardena ab. Mit einem geregelten Planungsvorlauf von 24 Stunden werden die Materialien bedarfsgerecht per Shuttle zugestellt. Rund 2.500 Paletten mit Waren gehen täglich raus – entweder direkt an den Kunden oder über ganz kurze Wege in die am Gebäude angeschlossene Produktion vor Ort, in der eine neue Generation von Schlauchwagen montiert wird. Auch die Sendungen von Lieferanten werden hier aufgenommen, externe Auftragnehmer fahren das Ulmer Gardena-Werk heute gar nicht mehr an. Der digitale „Logistik-Turm“ bringt alle Fäden präzise zusammen: Ein großer Bildschirm im Eingangsbereich bietet jederzeit den Überblick über sämtliche Bewegungen am Standort und macht über ein Ampelsystem deutlich sichtbar auf sich verschärfende Situationen aufmerksam.

„Mit dem LCT können wir Daten von einzigartiger Qualität erheben“, erklärt Judith Noerpel-Schneider, Geschäftsführerin der C. E. Noerpel GmbH. Sie ist insbesondere in Marketing als auch IT-Projekte involviert und steht immer wieder vor der Herausforderung, über den Einsatz neuer Technologien im Unternehmen zu entscheiden. „Wir wollen nicht jedem Hype folgen“, erklärt die Juniorchefin bestimmt. „Für uns haben die Lösungen Priorität, die einen unmittelbaren Nutzen für das Unternehmen haben, gleichzeitig Kunden begeistern und den Mitarbeitern den Betriebsalltag erleichtern.“

»Für uns haben die Lösungen Priorität, die einen unmittelbaren Nutzen für das Unternehmen haben, gleichzeitig Kunden binden und den Mitarbeitern den Betriebsalltag erleichtern.«

Judith Noerpel-Schneider, Geschäftsführerin der C. E. Noerpel GmbH

»Für uns haben die Lösungen Priorität, die einen unmittelbaren Nutzen für das Unternehmen haben, gleichzeitig Kunden binden und den Mitarbeitern den Betriebsalltag erleichtern.«

Judith Noerpel-Schneider, Geschäftsführerin der C. E. Noerpel GmbH

Studie als Wegweiser

Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung müssen sich Unternehmen strategisch mit den neuen Anforderungen auseinandersetzen und ihr Geschäftsmodell erfolgreich transformieren. Der Handlungsdruck ist groß, doch viele Firmen wissen nicht, welche konkreten Projekte sie in welcher Reihenfolge angehen sollen — und welche Werkzeuge und Lösungen sie dazu nutzen können. Für die Studie „Digitalisierungswerkzeuge in der Logistik“, die Logistikwissenschaftler Wolfgang Stölzle (Universität St. Gallen) mit den Professoren Christian Kille (Hochschule Würzburg-Schweinfurt) und Thorsten Schmidt (Technische Universität Dresden) veröffentlicht hat, wurden deshalb 28 Führungskräfte von bekannten Unternehmen befragt, darunter auch C.E. Noerpel.

22 Digitalisierungswerkzeuge listen die Autoren auf. Das Spektrum der Tools reicht von physischen Lösungen wie Drohnen oder Robotern bis zu virtuellen Dienstleistungen, zu denen unter anderem elektronisches Dokumentenmanagement zählt. Mit jedem dieser Werkzeuge lassen sich neue Dienstleistungen entwickeln oder vorhandene verbessern. Die Einsatzfelder erstrecken sich über die gesamte Logistik: Sie können zur Planung, Steuerung und Überwachung von Transport und Lagerung ebenso eingesetzt werden wie für Mehrwertleistungen, also Wartung, Konfektionierung und Qualitätsmanagement oder Logistikservices wie Disposition, Kommissionierung, Verpackung oder Zollabwicklung.

Für gewerbliche Mitarbeiter von Noerpel ist der digitale Alltag längst Realität. Digitale Hilfsmittel unterstützen die täglichen Arbeiten vor Ort.

Präzise Vorhersagen über die künftigen Warenströme

Für C. E. Noerpel hatte nach intensiver Prüfung der Möglichkeiten ein unternehmensweites Transportmanagementsystem (TMS) Priorität, das alle Prozesse entlang der einzelnen Lieferketten steuert, kontrolliert und optimiert. Die ersten Standorte arbeiten bereits mit Anaxco AX CargoSuite, einem Programm auf Basis von Microsoft ERP Dynamics. Für dieses System hat sich Noerpel entschieden, weil es   mit einer überzeugenden Ereignissteuerung auffällt und zudem auch mit eigen entwickelten Lösungen, wie der Lagerverwaltungssoftware, kompatibel ist. „Mit dem Wechsel auf ein Produkt können wir Kosten sparen und Synergieeffekte realisieren“, berichtet Judith Noerpel-Schneider. „Unsere 14 Standorte hatten nach mehreren Unternehmensübernahmen zuletzt mit fünf unterschiedlichen Software-Systemen gearbeitet. Daher war diese Entscheidung für uns ein ganz wichtiger Hebel.“ Der Fokus liegt nun darauf, mithilfe der Daten, die über den Logistics Control Tower gewonnen werden, aus Lager- und Transportprozessen Lösungen entwickeln, die präzise Vorhersagen über die künftigen Warenströme erlauben. Die Unternehmensführung hat sich dabei auch über das operative Vorgehen intensiv Gedanken gemacht und sich für eine Schritt-für-Schritt-Lösung verständigt: Ein Standort nach dem anderen sollte die Neuerungen übernehmen, denn: „Wir wollten möglichst jeden Mitarbeiter mitnehmen“, erklärt Steve Niggemeier, Teamleiter IT-Systeme Logistik. „Mit einem Big Bang – also der unternehmensweiten Umstellung zu einem Stichtag – wäre das kaum möglich gewesen.

Zahlreiche Prozesse automatisiert

Das System weist jedem Mitarbeiter automatisch die Aufgaben zu, die absolute Priorität haben; außerdem kann er alle Aufträge abrufen, die gerade bearbeitet werden. „Wenn die unternehmensweite Implementierung abgeschlossen ist, lassen sich über entsprechende Darstellungsfilter auch Auftragsbearbeitungen an anderen Standorten anzeigen“, erklärt Niggemeier. Solche Anwendungen sind wichtig, wenn beispielsweise Sendungen nicht den Auftragsdaten der Kunden entsprechen. Auch dies erkennt die Software automatisch.

Die vielen Vorteile überzeugen auch diejenigen Mitarbeiter, die dem neuen Produkt anfangs vielleicht skeptisch gegenüberstehen. Ein Projektteam bereitet die Einführung an jedem Standort gründlich vor. Anfangs werden  dann gezielt  „Key User“ in der neuen Software geschult. Diese Key User haben auch Einfluss auf die Ausgestaltung der abzubildenden Prozesse in der Software. In der Regel sind dies Fach- und Führungskräfte mit hoher IT-Affinität und Erfahrung im speditionellen Tagesgeschäft. Die Erfahrung zeigt: Wenn die übrigen Mitarbeiter durch die Key User abgeholt und in die neue Systemwelt eingeführt werden, fällt ihnen der Wechsel leicht und sorgt für eine hohe Akzeptanz.

Bei der Digitalisierung ziehen alle Mitarbeiter an einem Strang. Mit Steve Niggemeier, IT-Teamleiter Logistik, stimmt sich Judith Noerpel-Schneider regelmäßig ab.

Prognosen mit Predictive Analytics

„Mit dem TMS und dem LCT können wir unser Qualitätsmanagement erheblich verbessern“, zieht Niggemeier eine erste Zwischenbilanz. Von den größeren Datenvolumina, die wir mit beiden Lösungen gewinnen, sollen auch die Kunden profitieren. Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen – das ist der Anspruch der Ulmer, die auch hier Schritt für Schritt vorgehen. „Ein Mitarbeiter muss wissen, was in den kommenden zwölf Stunden passieren soll und was er hierfür tun muss“, formuliert Niggemeier. Durch die agile Weiterentwicklung der eigen entwickelten Softwarelösung will das Unternehmen die Qualität der vorhandenen Daten stetig verbessern. Die entsprechenden Anforderungen sollen die Mitarbeiter selbst formulieren – und so Schritt für Schritt ein breit gefächertes Instrumentarium für Predictive Analytics aufbauen. „Wir wollen Tools nutzen, die aus den vorhandenen Daten präzise Prognosen generieren und es uns damit erlauben, Warenbestände frühzeitig zu planen und Personal sowie Fahrzeuge bedarfsgerecht einzusetzen“, fasst Noerpel-Schneider zusammen. Vor allem Kunden, die mit saisonalen Schwankungen zu kämpfen haben, werden von diesem Werkzeug der Digitalisierung profitieren.

Allerdings will Noerpel auch die Warnungen der Studie zu Digitalisierungswerkzeuge ernst nehmen. Dem Werkzeug Predictive Analytics bescheinigen die drei Autoren einen „noch nicht ausreichend ausgeprägten Reifegrad“: Das Risiko von Fehlprognosen aufgrund von schlechtem Daten-Input und veralteten  Algorithmen sei „extrem hoch“. Noerpel-Schneider setzt deshalb auf die Unterstützung von künstlicher Intelligenz: „Wir haben deren großes Potential erkannt, stecken aber bei der Nutzung noch in den Kinderfüßen“, sagt die Juniorchefhin. „In naher Zukunft wollen wir unsere Daten mit automatisierten Systemen und Algorithmen zusätzlich aufbereiten, um zuverlässige Ergebnisse zu sichern.“

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