Wer gewinnt den Kampf der Wirtschaftssysteme?

Lesezeit ca. 4 Minuten
Text: Oliver Schönfeld
Fotos: Hellmann Worldwide Logistics, AdobeStock – kamonrat, Norman Posselt – BMBF, Hochschule Osnabrück

Der digitale Wandel ist viel mehr als ein Technologie-Hype. Er stellt nahezu alles auf den Prüfstand – seit Jahrzehnten bewährte Geschäftsmodelle ebenso wie das gesellschaftliche Miteinander. Wie viel soziale Marktwirtschaft erlaubt eine digitalisierte Logistik noch, welche Chancen hat Europa im Kampf der Wirtschaftssysteme gegen USA und China? Und wie können Logistikunternehmen diese Umbrüche meistern?

Ministerialdirigent Dr. Herbert Zeisel, Leiter der Unterabteilung „Forschung für den Digitalen Wandel“ im Bundesministerium für Bildung und Forschung, ist ein erfahrener und bedacht handelnder Experte. Er hat viele technologische Trends kommen und auch wieder verschwinden sehen. Doch diesmal ist alles anders: „Digitalisierung ist nicht einfach ein weiterer Hype – sie beschreibt einen allumfassenden Wandel, dem wir uns zu stellen haben.“ Gerade für den „Logistikweltmeister Deutschland“ sei es wichtig, wachsam zu sein. Denn die digitalisierte Logistik sei ein Game Changer für eine erfolgsverwöhnte Branche. „Sie bedeutet vollkommen neue Geschäftsmodelle, neue Kommunikationsstrukturen und auch neue Wettbewerber“, unterstrich Dr. Zeisel als Referent des Hellmann Innovation Day Ende März 2019 in Osnabrück. Dabei vollziehe sich der Umbruch hin zur digitalisierten Logistik erstaunlicherweise mit Algorithmen, die teils 30 Jahre und älter seien. Doch erst heute stünden die Technologien, die Datenmengen und insbesondere Rechenkapazitäten zur Verfügung, die notwendig sind, damit diese Algorithmen tatsächlich ihr gesamtes Potenzial entfalten können.

Künstliche Intelligenz: Turbo für die digitalisierte Logistik

Insbesondere die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz (KI) sind nach Zeisels Worten der Auslöser für die zu erwartenden disruptiven Veränderungen in der Logistikwelt. Zugleich schränkt er ein: „Die heutige Künstliche Intelligenz ist nicht der Terminator aus dem Film, der Roboter, der alles allein entscheiden kann. Davon ist KI heute noch sehr weit entfernt.“ Und dennoch sollten wir die extremen Auswirkungen auf die Gesellschaft nicht unterschätzen, warnt Zeisel: „Wir müssen damit umgehen lernen, was datengetrieben passiert.“ Welches Unternehmen verfügt über welche persönlichen und gar vertraulichen Daten? Wer kontrolliert, was mit diesen Daten passiert? Sind wir als einzelne Person oder auch als mittelständisches Unternehmen den globalen Konzernen hilflos ausgeliefert? Antworten darauf müssen heute gefunden werden, gerade auch aus europäischer Perspektive. Die passende Plattform für diese Diskussion bot der erste Hellmann Innovation Day mit rund 150 Teilnehmern. Der global tätige Logistikdienstleister hatte namhafte Referenten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft eingeladen. Sie gaben umfassende Einblicke in Trends der City-Logistik und zum Thema digitalisierte Logistik.

»Wir müssen in Europa unseren eigenen Weg finden, um wettbewerbsfähig zu bleiben und unsere Werte zu erhalten.«

Dr. Herbert Zeisel, Leiter der Unterabteilung „Forschung für den Digitalen Wandel“ im Bundesministerium für Bildung und Forschung

USA gegen China: Kampf der Wirtschaftssysteme

Denn zu den technologischen Herausforderungen gesellen sich viele politische und gesellschaftliche Fragen. Dr. Zeisel macht aus seiner Meinung keinen Hehl: Wir befinden uns längst in einem Kampf der Wirtschaftssysteme. Handelskriege, Zollstreitigkeiten und mehr sind klare Indizien dafür. Auf der einen Seite stehen die US-Technologiekonzerne, die auf maximale Freiheit in der Entwicklung neuer Technologien und in der Nutzung auch fremder Daten setzen. Auf der anderen Seite steht die Staatswirtschaft Chinas, die den USA den Rang als führende Weltwirtschaftsmacht streitig machen will. Und dazwischen befindet sich die „alte Welt“ mit ihren alten Werten.

Themen wie Datenschutz und Sicherheit unserer Daten drohen in diesem Wirtschaftskrieg unter die Räder zu geraten – ebenso wie die Errungenschaften der sozialen Marktwirtschaft, warnt Dr. Zeisel: „Wir müssen in Europa unseren eigenen Weg finden, um wettbewerbsfähig zu bleiben und unsere Werte zu erhalten.“ Ein Sieger im Kampf der Wirtschaftssysteme sei derzeit noch nicht erkennbar. Umso wichtiger sei es, den USA und China eine dritte Position entgegenzusetzen, so die Forderung des Experten: „Wir müssen eigene Standards im Umgang mit Daten setzen. Dazu sollten wir eine Allianz der Willigen aufbauen.“ Neben Europa rechnet der Ministerialdirigent insbesondere Japan, Kanada und auch die asiatische Wirtschaftsmetropole Singapur zu den möglichen Mitgliedern dieser Allianz. Wie realistisch sie ist, das werden erst die kommenden Jahre zeigen.

Reiner Heiken, CEO von Hellmann Worldwide Logistics, begrüßte rund 150 Teilnehmer zum ersten Innovation Day des Logistikdienstleisters in Osnabrück.

Digitalisierte Logistik: 4 Megatrends prägen die Veränderungen

Unabhängig von den politischen Weichenstellungen und der europäischen Werteorientierung vollzieht sich der Wandel der digitalisierten Logistik weiter. Und zwar in großen Schritten, wie auch Prof. Dr. Michael Schüller von der Hochschule Osnabrück beim Hellmann Innovation Day schilderte. „Die Logistik von morgen wird nachhaltiger, individueller, vernetzter und automatisierter“, so der Wissenschaftler in seinem Referat. Dabei stellte er insbesondere vier Megatrends heraus, die bereits heute altbewährte Geschäftsmodelle und Prozesse auf den Kopf stellen:

Blockchain

Robotics

Künstliche Intelligenz

Big Data

Im Bereich Robotics etwa sei bemerkenswert, dass gut zwei Drittel der heutigen Roboterapplikation aus logistischen Anwendungen hervorgegangen sind. „Big Data und Künstliche Intelligenz wiederum werden zusammen eine bessere, vorausschauende Planung in der digitalisierten Logistik ermöglichen“, so Prof. Schüller. Gleichzeitig ging er auf bedenkliche Entwicklungen ein, etwa wenn im Kampf der Wirtschaftssysteme Daten ohne jegliche Beschränkungen verwendet und ausgewertet würden. „Das größte Big-Data-Projekt der Welt läuft in China mit dem Ziel, anhand von Fotos und Überwachungskameras jede Person in kürzester Zeit identifizieren zu können“, beschrieb Schüller ein Szenario, das zumindest für europäische Ohren höchst befremdlich klingt.

»Die Logistik von morgen wird nachhaltiger, individueller, vernetzter und automatisierter.«

Prof. Dr. Michael Schüller, Hochschule Osnabrück

Der Wandel in der Logistik hat längst begonnen

Welche Schlussfolgerungen können Logistikunternehmen aus diesen aktuellen Einschätzungen von Politik und Wissenschaft ziehen? Für Reiner Heiken, CEO von Hellmann Worldwide Logistics, ist klar: „Wir müssen ehrlich zu uns sein: Es geht nicht alles so weiter, wie wir es seit Jahrzehnten erfolgreich gemacht haben. Massive Veränderungen kommen auf uns zu.“ Wichtig sei es dabei, sich heute den Zukunftsfragen zu stellen und die Umsetzung anzupacken. Die gesamte Logistikbranche habe in kurzer Zeit einen grundlegenden Wandel zu meistern. Als gelernter Nautiker geht Heiken diese Herausforderungen pragmatisch an: „Es geht um eine tägliche Positionsbestimmung – was ist unser Ziel, und steuern wir noch auf unserem Kurs? Nur wer Trends setzt, erkennt und mitgeht, kann sich langfristig am Markt behaupten. Das gilt heute mehr denn je. Unsere Aufgabe ist es, Zukunftsthemen wie Digitalisierung, Big Data und KI in der Unternehmensstrategie fest zu verankern.“

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