Virtuelles Truck Racing: Auch Rennfahrer haben ein Homeoffice

Lesezeit ca. 3 Minuten
Text: Oliver Schönfeld
Fotos: T Sport Bernau, ETRC Digital Racing Challenge, privat

Das Vollgas auf der Geraden so weit ausreizen, wie es irgendwie geht. Im letzten Moment anbremsen, das Lenkrad einschlagen und den 5.300-Kilo-Truck durch die Schikane wuchten: Es fühlt sich fast an wie auf der echten Strecke – ist aber ein virtuelles Rennen. Auf diese Weise verkürzt die europäische Truck-Racing-Szene die Wartezeit bis zum Saisonstart.

Was tun, wenn Corona den Zeitplan für die Saisonvorbereitungen durcheinanderwirbelt und sich die Fans nach Abwechslung sehnen? Ganz einfach: Der Motorsport wandert ins Netz. Die FIA European Truck Racing Championship (ETRC) hat eine Serie mit vier Online-Rennen ins Leben gerufen. Nach dem Auftakt am Hungaroring und der zweiten Runde am Nürburgring stehen noch der französische Traditionskurs Le Mans (21. Februar 2021) und zum Abschluss Jarama in Spanien (7. März 2021) auf dem Rennkalender. Alle Events werden live auf der ETRC-Website und auf weiteren Online-Kanälen übertragen – für echtes Motorsport-Feeling frei Haus.

Die Action bei den virtuellen Rennen steht der im Motorsport auf der realen Strecke in nichts nach. Fans können bei der ETRC-Serie kostenfrei am heimischen Computer dabei sein.

Fast wie auf der echten Rennstrecke

Ein Computer mit Internetverbindung, ein Game-Sitz mit Pedalen und Lenkrad: So sieht das Homeoffice für Rennfahrer aus. Für den erfahrenen Motorsportler und Vize-Europameister Antonio Albacete vom Truck-Racing-Team T Sport Bernau ist es eine völlig neue Erfahrung. In der Miniserie tritt er gegen erfahrene Simulations-Racer an, die ausschließlich im E-Sport groß geworden sind – harte Konkurrenz also. Für Albacete ist es Ehrensache, auch vor dem Bildschirm stets 100 Prozent zu geben: „Die virtuellen Rennen machen mir unheimlich viel Spaß und sind ein hervorragendes Training“, berichtet der 56-jährige Spanier. „Die Grafiken sind wirklich sehr gut, und ich fühle mich fast wie auf dem richtigen Track.“

»Die virtuellen Rennen machen mir unheimlich viel Spaß und sind ein hervorragendes Training!«

Antonio Albacete, Rennfahrer für T Sport Bernau

Adrenalin und Atmosphäre fehlen

Aber eben nur fast: Die G-Kräfte, die im Cockpit beim Bremsen oder Beschleunigen zu spüren sind, fallen vor dem PC natürlich weg. „Ebenso fehlt das Adrenalin beim Fahren am Limit“, berichtet Albacete. Einen Vorteil haben die virtuellen Rennen in seinen Augen aber doch: Wenn es mal zu einem Crash kommt, wird es nicht gleich teuer.

Der routinierte Fahrer hofft, bald wieder ans echte Lenkrad greifen zu können: „Am Rennsport vermisse ich die tolle Atmosphäre im Fahrerlager, die Gespräche mit den anderen Piloten, Freunden und den Fans. Das fehlt am Bildschirm natürlich alles.“ Im Hintergrund laufen bei T Sport Bernau längst die Vorbereitungen, damit es bald wieder losgehen kann. „Wir hoffen, im April mit einem größeren Test starten zu können. Über den Winter ist eine Reihe von Neuentwicklungen entstanden“, berichtet Teammanagerin Melanie Derflinger.

Saisonziel für 2021: die Top 5

Trotz aller widrigen Corona-Umstände ist es T Sport Bernau im Jahr 2020 gelungen, bei vier Events an den Start zu gehen. Aufgrund der wechselnden Reisebeschränkungen ist das Team dazu drei Monate ununterbrochen durch Europa gezogen. „So konnten wir den Renntruck testen, viele Teile ausprobieren und hervorragend die neue Team-Konstellation mit Antonio Albacete einspielen“, erklärt Derflinger weiter. 2021 sollen es nach Möglichkeit wieder deutlich mehr Rennen werden. „Wir sind auf die Saison bestens vorbereitet und erhoffen uns erneut eine Platzierung unter den Top 5.“
Technik am Limit: Beim Truck Racing und spannenden Duellen Rad an Rad werden die BPW und PE Komponenten aufs Härteste gefordert.

Enge Technik-Partnerschaft

Neben vielen Herausforderungen hielt 2021 bereits eine gute Neuigkeit für das britisch-deutsche Racing-Team bereit: Die Partnerschaft mit PE Automotive und der BPW Bergische Achsen KG wurde gleich um zwei Jahre verlängert. „Das ist nicht einfach nur ein Sponsoring, sondern eine gewachsene, vertrauensvolle Technik-Partnerschaft, die uns schon in den vergangenen Jahren deutlich vorangebracht hat“, unterstreicht Cheftechniker Tim Frost. Die BPW Komponenten werden auf der Rennstrecke jedes Mal aufs Härteste gefordert, wenn der MAN-Racetruck mit 1.200 PS gewaltige 5.800 Drehmoment aufs Rad wuchtet oder aus 160 Stundenkilometern eine Vollbremsung hinlegt. „Ein härteres Testlabor als das FIA-Truck-Racing können wir uns gar nicht wünschen“, bestätigt BPW Produktmanager Thorsten Grahl. Auch er fiebert dem Start der realen Saison entgegen. „Die besondere Atmosphäre am Nürburgring und die Anspannung beim Start muss man einfach mal live erlebt haben.“ Dem dürften alle Fans aus vollem Herzen zustimmen.

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