Smarte urbane Logistik braucht Kollaboration

Lesezeit: ca. 4 Minuten
Text: Oliver Schönfeld
Fotos: Shutterstock, Universität Duisburg-Essen

Die beste Logistik ist die, die sich vermeiden lässt. Das meint Professorin Ani Melkonyan-Gottschalk, Geschäftsführerin des Zentrums für Logistik und Verkehr (ZLV) an der Universität Duisburg-Essen. Einzelne Lösungen reichen ihrer Ansicht nach nicht, um den Herausforderungen der urbanen Infrastruktur zu begegnen – gefragt seien stattdessen intermodale Konzepte.

Unternehmerinnen und Unternehmer denken vor allem in wirtschaftlichen Kategorien: Sie wollen Prozesse optimieren, Effizienz steigern, Erträge maximieren. „Logistikunternehmen brauchen zusätzlich eine klare Vision, wie sie in Zukunft ihre Daseinsberechtigung definieren – nämlich in der Funktion, gemeinsam eine Versorgung der Gesellschaft auf nachhaltige Weise zu gewährleisten“, erklärt Melkonyan-Gottschalk.

Studie: Aufpreis für nachhaltige Logistik wird akzeptiert

Diese Leistung darf ihren Preis haben. Studien des ZLV mit über 1.500 Teilnehmenden haben gezeigt, dass Verbraucherinnen und Verbraucher durchaus bereit wären, für nachweislich nachhaltige Transporte einen Aufpreis von vier bis fünf Euro pro Sendung zu akzeptieren. Gut drei Viertel der befragten Personen hätten das erklärt, so die Wissenschaftlerin. „Wir haben diese Ergebnisse mit verschiedenen Logistikunternehmen diskutiert, doch niemand traut sich bisher, den permanenten Preiskampf zu durchbrechen.“

»Die Painpoints in der urbanen Logistik sind bekannt, aber derzeit trifft der Schmerz die Falschen.«

Professorin Ani Melkonyan-Gottschalk, Geschäftsführerin des Zentrums für Logistik und Verkehr an der Universität Duisburg-Essen

Intelligente Kooperationen sind notwendig

Dabei sei insbesondere im urbanen Umfeld längst erkennbar, dass die öffentliche Infrastruktur ebenso wie die Logistikketten angesichts des weiter zunehmenden Warenverkehrs an ihre Grenzen stoßen. „Die Painpoints sind bekannt, aber derzeit trifft der Schmerz die Falschen – die Gesellschaft und die Menschen in städtischen Quartieren. Bei den Unternehmen selbst scheint der Schmerz noch nicht groß genug zu sein.“ Klar sei, so Melkonyan-Gottschalk weiter, dass Logistikdienstleister stärker kooperieren müssten, um die Menge der urbanen Transportverkehre zu verringern und Prozesse zu verbessern. Konzepte wie „Das grüne Logistikhotel“ in Wien, das als unternehmensübergreifendes Mikrodepot und Konsolidierungszentrum dient, seien positive Beispiele für die damit verbundenen Chancen.

Logistik kann Flächenproblem nicht allein lösen

Das ZLV hat viele Workshops mit Unternehmen zu den Herausforderungen auf der letzten Meile veranstaltet. Dabei zeige sich immer wieder, dass die Transportdienstleister allein nicht in der Lage sind, die urbane Logistik nachhaltig zu optimieren, erklärt die ZLV-Geschäftsführerin: „Dazu sind zusätzlich Weichenstellungen der öffentlichen Hand und regulatorische Vorgaben notwendig. Zudem liegt es bei den Kommunen, das häufig vorhandene Flächenproblem zu lösen.“ Vielfach seien laut der Expertin aber auch noch Hürden in der Branche zu überwinden, beispielsweise was die Bereitstellung notwendiger Daten für erfolgreiche Kollaborationen angehe. Und es sollten weitere Akteure und Stakeholder wie Kommunen, örtlicher Handel oder Kultur einbezogen werden.

Pilotprojekt in Duisburg geplant

Das ZLV-Forschungsteam wirkt derzeit an einem geplanten Projekt in Duisburg mit: Ein leer stehendes, zentral gelegenes Kaufhaus soll als Mikrodepot für mehrere Logistikunternehmen dienen und gleichzeitig als Markthalle mit Angeboten der regionalen Landwirtschaft sowie Gastronomie zu einem attraktiven Begegnungsort werden. „Das Konzept soll dazu beitragen, die Attraktivität der Innenstädte wieder zu steigern, die vielfach infolge der Pandemie entstandenen Leerstände zu verringern und gleichzeitig neue Wege in der urbanen Logistik zu gehen“, so Melkonyan-Gottschalk.

Ein digitaler Zwilling für die Stadt

Derzeit laufen Anträge für EU-Fördermittel, auch das NRW-Verkehrsministerium zeige sich an dem Pilotprojekt interessiert, so die Expertin. Sie ist zuversichtlich, dass ein Projektstart im Frühjahr 2023 möglich ist: „Das ZLV wird das Vorhaben wissenschaftlich begleiten. Dazu wollen wir einen digitalen Zwilling für die gesamte Stadt aufbauen, um die verschiedenen Sektoren der öffentlichen Ver- und Entsorgung digital darstellen und anschließend optimieren zu können.“ Wenn es perspektivisch die digitalen Zwillinge nicht nur für eine, sondern für möglichst viele europäische Großstädte gibt, könnten daraus skalierbare Lösungen entstehen – für mehr logistische Effizienz und für lebenswerte Innenstädte.
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