Mit Herausforderungen in der Logistik umgehen

Lesezeit: ca. 4 Minuten
Text: Juliane Gringer
Fotos: Maria Senz, Pixabay

Auf den Entscheidern in Transport und Logistik lastet derzeit besonders viel Druck. Wie sie damit umgehen und ihn sogar produktiv nutzen können, erklärt Mental- und Bewegungscoach Maria Senz.

Frau Senz, wie kann man gut mit Druck umgehen?
Ich denke, im ersten Schritt ist es wichtig, dass ich einerseits ein Bewusstsein dafür entwickle, welche Stärken ich habe: Was kann ich, was weiß ich, welche Fähigkeiten bringe ich mit? Und andererseits identifiziere ich, wann genau der Druck entsteht: Was sind die Auslöser, in welchen Situationen ist er präsent? Druck kann grundsätzlich auch nützlich sein: Wenn ich beispielsweise bei einem Sprintwettbewerb eine bestimmte Zeit erreichen muss, um mich zu qualifizieren, sollten meine athletischen, taktischen und technischen Fähigkeiten das möglich machen. Genauso im Mannschaftssport: Wer mit seiner Fußballmannschaft aufsteigen will, muss entsprechende Leistungen bringen.
Im Freizeitbereich gibt es vielleicht auch die Sorge, sich mit weniger guten Leistungen vor den Teamkolleginnen und -kollegen zu blamieren, oder?
Ja, auch das spielt mit hinein bei der Frage, wer den Druck auslöst, den ich spüre. Einerseits kann ich selbst dafür verantwortlich sein, indem ich eine gewisse Erwartungshaltung an mich habe. Aus meinem Umfeld, zum Beispiel dem Trainerteam, kann ich ebenfalls Druck auf mir spüren. Übertragen ins Berufsleben können das die Führungskräfte im Unternehmen sein oder auch die Mitarbeitenden. Genau wie Menschen, mit denen ich in persönlicher Beziehung stehe wie die Partnerin, der Partner, Eltern oder Freunde. Da nehme ich also von außen die Erwartungshaltung wahr, dass ich im Job gute Leistungen bringen muss – was mich ebenso unter Druck setzen kann.
Manche Dinge kann ich nicht beeinflussen: Im Sport kann ich mich verletzen, in der Logistik muss ich mit den derzeitigen Engpässen umgehen. Was empfehlen Sie im Umgang damit?
Es ist wichtig sich bewusst zu machen, dass es Abhängigkeiten gibt, die ganz natürlich sind. In Transport und Logistik gibt es Engpässe, manche Dinge kann nur die Politik ändern oder ein Stau ist eben einfach da. Auf all das habe ich insofern Einfluss, dass ich einen Umgang mit der Situation finde. Sich darüber zu ärgern ist Energieverschwendung. Stattdessen kann ich mich auf die Dinge konzentrieren, die ich selber in der Hand habe. Die eigene Unternehmenskultur ist zum Beispiel eine Einflussgröße: Wenn meine Mitarbeitenden zufrieden sind, dann sind sie motiviert, und können viel leichter Ideen entwickeln. Ich empfehle, dass Unternehmerinnen und Unternehmer etwas länger darüber nachdenken: Der Satz, dass man an einer Situation nichts ändern kann, ist schnell gesagt. Etwas länger darüber nachgedacht: Wenn zum Beispiel die Energiepreise steigen, kann ich über alternative Energiequellen nachdenken. Und mich damit unabhängiger machen.

»Wenn die Energiepreise steigen, kann ich erstmal über Alternativen nachdenken. Die Folge: Unabhängigkeit.«

Maria Senz, Mental- und Bewegungscoach

Unter Druck fällt genau das schwer: frei zu denken und nach neuen Lösungen zu suchen. Wie kann man diese Blockade lösen?
Es gibt einmal das körperliche Empfinden, dass der Kopf voll ist oder dass eine große Last auf den Schultern liegt. Und es gibt Gedanken wie „Das schaffe ich nicht!“, die mich in einen Teufelskreis aus Versagen, Frust, Angst und Unsicherheit bringen. Bei Zweifeln mit sich selbst hilft ein Stopp-Zeichen: Das nutze ich bewusst, um zu vermeiden, dass mich die Sorgen erstarren lassen. Es kann zum Beispiel so aussehen, dass ich in Gedanken oder auch laut „Stopp!“ zu mir selbst sage und dabei auch meinen Körper nutze: mich bewusst umdrehe oder woanders hinschaue, um den Fokus umzulenken. Mit der neuen Blickrichtung kombiniere ich dann den Gedanken „Ich schaff das!“. Dadurch bin ich wieder in der Lage, klarer zu schauen und zu entscheiden, was ich jetzt tun kann. Ich werde wieder handlungsfähig. Mit den Sportlerinnen und Sportlern, die ich coache, erarbeite ich häufig auch einen körperverbundenen Reset-Knopf, den sie drücken können, um sich in stressigen Momenten wie im Wettkampf wieder zu fokussieren.
Wieso sollten gerade Führungskräfte solche Tools nutzen?
Druck erzeugt Gegendruck. Und wenn ich als Chefin oder Chef mit Druck an meine Mitarbeitenden herantrete, steigt auch deren Anspannung. Umgekehrt: Wenn ich als Führungskraft zum Beispiel Ruhe ausstrahle, gebe ich damit eine gewisse Sicherheit ins System und kann als Handlungsfolge viel eher Motivation und Freude erzeugen. Der Grundgedanke dahinter: Was möchte ich als Führungskraft bei meinen Mitarbeitenden bewirken? In welche Stimmung möchte ich sie bewegen, damit sie ihre Leistung optimal abrufen können?
Hat Druck auch gute Seiten?
Druck kann auch Ansporn sein: Viele Menschen brauchen die Herausforderung, um herausragende Leistungen abzuliefern. Das ist völlig in Ordnung für alle, bei denen das positive Energie auslöst. Für andere kann es eine Belastung sein. Und wenn durch Druck Energie verloren geht, dann ist das kontraproduktiv. Gut zu wissen ist, welcher Typ ich bin, um entsprechend für mich zu sorgen. Auch alle, bei denen Druck motivierend wirkt, sollten sich ausreichend Pausen ermöglichen, um langfristig leistungsfähig zu bleiben. Das ist übrigens auch das, was meinen Job für mich so spannend macht: Jeder Mensch ist individuell und Expertin oder Experte für die eigenen Lösungen. Alle bringen ganz eigene Erfahrungen und Stärken mit – und die sollten bewusst genutzt und eingesetzt werden, um in voller Stabilität und Kraft zu bleiben.

»Wenn bei einem Fußballspiel ein Tor gefallen ist, jubeln alle, springen auf, schreien, freuen sich. Wir kennen dieses Bild, es bewegt uns! Ich finde, Logistikerinnen und Logistiker könnten sich davon inspirieren lassen: Erzeugt ebenso Bilder und feiert eure Erfolge.«

Maria Senz, Mental- und Bewegungscoach

Was kann die Transportbranche vom Sport lernen?
Vieles, aber direkt denke ich vor allem an eins: Erfolge feiern! Wenn bei einem Fußballspiel ein Tor gefallen ist, jubeln alle, springen auf, schreien, freuen sich. Wir kennen dieses Bild, es bewegt uns! Ich finde, Logistikerinnen und Logistiker könnten sich davon inspirieren lassen, ihre Erfolge ebenfalls mehr feiern und ein Gespür dafür bekommen, wie viel bereits gut läuft. Und dabei auch mal richtig Druck ablassen.

ZUR PERSON

Maria Senz ist Mental- und Bewegungscoach mit dem Schwerpunkt Sport: Sie begleitet Menschen dabei, ihre persönlichen und beruflichen Ziele zu erreichen. Sie hat Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Logistik studiert und 12 Jahre unter anderem bei Rolls-Royce, der BMW Group und der Daimler Group gearbeitet, bevor sie sich zum Systemischen Coach für Personal & Business ausbilden ließ. Sie arbeitet vorrangig mit Athletinnen und Athleten, Trainern und Trainerinnen, Sportverbänden und Bildungseinrichtungen, aber auch mit Unternehmen zusammen. Maria Senz gehört dem Netzwerk Die Sportpsychologen an. Die Leidenschaft für Sport gehört schon lange zu ihrem Leben. Sie ist als Beachvolleyball-Trainerin und Kitesurf-Instructor aktiv. Ihr persönliches Ziel: 2024 möchte sie als Mentalcoach ein Sport-Team zu den Olympischen Spielen begleiten

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