Elektrischer Schwertransport? Kein Problem!

Lesezeit: ca. 6 Minuten
Text: Juliane Gringer
Fotos: Daimler AG

Schwere Lkw und alternative Antriebe waren lange nicht gemeinsam vorstellbar. Mit dem eActros, dem ersten 25-Tonner von Daimler mit Elektromotor, hat Mercedes-Benz Trucks die Kombination möglich gemacht: Robustheit, Zuverlässigkeit und eine Reichweite von rund 200 Kilometern – hält der E-Lkw im Kundeneinsatz, was er verspricht? Logistik Schmitt aus Baden-Württemberg testet das Fahrzeug gründlich.

Fast unbemerkt rollt der 25-Tonner durch die Werkseinfahrt bei Mercedes-Benz im baden-württembergischen Gaggenau – nicht nur, weil ein Actros hier keine Seltenheit ist, sondern vor allem, weil er ungewöhnlich leise fährt. Spätestens als der Fahrer von Logistik Schmitt nach dem Einparken vor der Laderampe seine Plane links liegen lässt, um zunächst ein Ladekabel in sein Fahrzeug zu stecken, wird klar: dieser Lkw fährt elektrisch! Es ist ein eActros: Mit ihm hat Mercedes-Benz Trucks 2016 auf der IAA als weltweit erster Hersteller einen schweren Elektro-Lkw vorgestellt. Logistik Schmitt aus Bietigheim bei Rastatt durfte ihn testen: In der ersten Phase hat das Unternehmen ihn im Dreischichtbetrieb rund um die Uhr zwischen einem Lager in Ötigheim und einem Teil des Mercedes-Benz-Werks in Gaggenau eingesetzt. „Wir sind hier in der Bandversorgung für einen Automobilhersteller aktiv“, erklärt Rainer Schmitt, geschäftsführender Gesellschafter von Logistik Schmitt, der das Familienunternehmen in dritter Generation führt. „Da müssen die Transporte absolut sicher im Fahrplan abgeleistet werden.“

2021 soll der eActros in Serie gehen

Bis 2050 soll Europa klimaneutral werden – so will es die Europäische Kommission. Sie plant ein entsprechendes Gesetz, aber Anbieter von elektrischen Antrieben und Hersteller von Fahrzeugen gehen ehrgeizig voraus. „Wir nehmen dieses Ziel sehr ernst“, erklärt auch Christian Lazik, Produktmanager Mercedes-Benz eActros bei Daimler Trucks. „Wenn wir von dieser Frist zurückrechnen und davon ausgehen, dass es gut 10 Jahre dauert, bis alle Fahrzeuge in der Flotte ausgetauscht sind, wird klar: Wenn wir im Verkehrssektor komplett CO2-neutral werden wollen, müssen wir entsprechende Fahrzeuge anbieten. Und das werden wir auch tun. Wir verfolgen eine nachhaltige Unternehmensstrategie und streben bis zum Jahr 2039 an, in den Triademärkten Europa, Japan und NAFTA nur noch Neufahrzeuge anzubieten, die im Fahrbetrieb -„tank-to-wheel“- CO2-neutral sind.“ Die Entwicklung des eActros und der Flottentest wurden vom Bund unterstützt: Im Rahmen des Projekts „Concept ELV²“ wurde die Integration eines innovativen elektrischen Antriebs in schwere Verteilerverkehrsanwendungen und dessen Praxistest gefördert – vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) sowie dem ehemaligen Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB).

»Wir werden ab 2039 nur noch im Fahrbetrieb CO2-neutrale Fahrzeuge in den Triademärkten Europa, Japan und NAFTA anbieten.«

Christian Lazik, Produktmanager Mercedes-Benz eActros bei Daimler Trucks

2018 startete Daimler diesen Praxistest namens „Innovationsflotte“. Rund 20 Kunden aus unterschiedlichen Branchen nehmen teil: Partner wie Dachser, Edeka oder Hermes fahren Waren von Lebensmitteln über Stückgut bis zu Bau- und Werkstoffen. Die Aufbauten sind entsprechend vielfältig und reichen von Trocken- über Kühlkoffer bis zu Silo- oder Planenfahrzeugen. Ein Schwerpunkt von Logistik Schmitt ist die Kontraktlogistik für Automobilhersteller – das Unternehmen schlägt jährlich 2,3 Millionen Ladungsträger um. „Von den 72 Lkw in unserem Fuhrpark sind zwei Drittel im Shuttle-Verkehr im Einsatz und wickeln rund 300 Transporte in einem Radius von etwa 25 bis 30 Kilometern ab – da ist der Einsatz eines elektrischen Fahrzeugs sehr praktikabel und sinnvoll“, so Rainer Schmitt.

Laden nur einmal pro Schicht nötig

Das Testfahrzeug legt derzeit täglich rund 168 Kilometer für das Unternehmen zurück und wird rund um die Uhr gefahren. Da es also nur in der Zeit während der Be- und Entladung Strom tanken kann, passiert das direkt in der Ladestraße: „Wenn der Fahrer ausgestiegen ist, steckt er sofort den Stecker in die Buchse – noch bevor er die Plane öffnet“, erklärt Schmitt. Während die Fracht aus- und eingeräumt wird, werden die Batterien für rund 40 Minuten geladen, bevor es heißt: Stecker raus, Lieferschein in die Hand und weiter zur nächsten Tour. „Mittlerweile haben wir die Erfahrung gemacht, dass es nicht notwendig ist, bei jedem Stopp zwischenzuladen, und wir reduzieren das stückweise. So laden wir sogar nur noch einmal pro Schicht, denn pro Tour verliert die Batterie nur rund fünf Prozent. Man sieht also, dass die Reichweite für unser Geschäft völlig ausreicht.“ Sie liegt beim eActros, der in zwei Modellen – als 18- und als 25-Tonner – im Einsatz ist, bei rund 200 Kilometern. „Der Praxistest hat gezeigt, dass wir diese Strecke in den Einsätzen auch gut erreichen“, bestätigt Christian Lazik.
Der eActros von Mercedes-Benz Trucks ist der weltweit erste Elektro-Lkw von Mercedes-Benz Trucks und punktet im Einsatz mit Robustheit, Zuverlässigkeit und 200 Kilometer Reichweite.

Batterien im Crash-Käfig gesichert

Dazu wurde eine 240-Kilowattstunden-Batterie verbaut – in elf Modulen, von denen drei im Rahmeninneren befestigt sind und acht unterhalb des Fahrzeugs. „Letztere sind in einem Crash-Käfig sicher gelagert und geschützt, falls es zu einem Unfall kommen sollte“, so Lazik. Über einen standardisierten Ladeanschluss ist das Fahrzeug bei höchster Ladeleistung in weniger als zwei Stunden komplett geladen. „Wir haben den Testkunden auf Wunsch zwei Ladegeräte zur Auswahl gestellt. Zudem rekuperiert der eActros während der Fahrt. Die Fahrweise hat dabei einen entscheidenden Einfluss: Je vorausschauender man fährt und je weniger man entsprechend die Betriebsbremsen nutzen muss, desto mehr Bremsenergie wird ins System zurückgespeist und steht für eine höhere Reichweite zur Verfügung. Daher ist die Schulung der Fahrer ein wichtiger Erfolgsfaktor.“ Um die Langlebigkeit der Fahrzeuge zu sichern, muss die Temperatur geregelt werden: „Wir haben die Batterien komplett mit einem Thermo-Management belegt, sodass das ganze Jahr über ideale Temperaturen im Batteriesystem vorliegen.“ Angetrieben wird der eActros von einer elektrischen Hinterachse mit einer Leistung von 252 Kilowatt. „Natürlich sind alle Verbraucher im Fahrzeug elektrisch betrieben, ob Lenkhelfpumpe, Kältemittelverdichter für die Klimaanlage im Fahrerhaus oder Druckluftkompressor für die Bremsanlage“, ergänzt Lazik.

Weniger Stress für die Fahrer

Im Praxiseinsatz fällt Rainer Schmitt eines besonders positiv auf: „Der eActros ist sehr kräftig im Anzug – so kräftig, dass wir die Ladungssicherung anpassen mussten.“ Den Fahrern gefällt nicht nur die Power des Motors, sondern auch, dass er deutlich ruhiger läuft: „Man kommt damit wirklich nahezu geräuschlos vom Start weg, und auch im Innenraum ist es deutlich leiser – das bedeutet für die Fahrer weniger Stress im Arbeitsalltag.“ Gleichzeitig müssen genau aus diesem Grund im Verladetunnel zusätzliche Sicherheitseinrichtungen installiert werden: „Bei geringen Geschwindigkeiten sind die Fahrzeuge nicht zu hören, erst dann nimmt man den Rollwiderstand der Reifen wahr“, berichtet der Logistiker. „So haben wir schon kritische Situationen erlebt, in denen Staplerfahrer den E-Lkw zwar gesehen haben, aber nicht erkennen konnten, dass er sich bewegt.“

»Wenn man neue Technologien nicht ausprobiert, wird man nicht erfahren, ob sie praxistauglich sind.«

Rainer Schmitt, geschäftsführender Gesellschafter von Logistik Schmitt

Noch stecken also durchaus einige Herausforderungen im Thema E-Mobilität. Für Rainer Schmitt überwiegen dennoch bei Weitem die positiven Seiten: „Es kann nicht so weitergehen mit dem Diesel. Wir müssen also die verschiedenen Wege einfach ausprobieren, aber ich habe auch Lust, Neues zu versuchen. Es klappt sicher nicht alles sofort, doch die richtige Technologie wird die Zukunft weisen.“ Er wird oft von Kollegen gefragt, warum sein Unternehmen an dem Test teilnimmt und ob „das was bringt“. Seine Antwort: „Wenn man es nicht ausprobiert, wird man das nicht erfahren. Wir sind stolz, dass wir als Entwicklungspartner dazu beitragen, die Zukunft der Nutzfahrzeuge zu gestalten.“

Rückschlüsse für die Serienentwicklung

In puncto Kosten geht Christian Lazik davon aus, dass sie „sicher bald weiter sinken“ werden: „Vor allem, wenn die Batterietechnik günstiger wird, wird sich das auf den Preis der Fahrzeuge auswirken.“ Im Fokus steht derzeit die Weiterentwicklung der Technik: „Wir haben alle Fahrzeuge vernetzt und sammeln Daten, die unseren Entwicklern Rückschlüsse für die Serienentwicklung ermöglichen. Der Test ist im Rahmen einer Entwicklungskooperation angesetzt: Die Gespräche, die wir mit den Fahrern, Disponenten und Flottenmanagern führen, steigern somit die Zuverlässigkeit und die Reife des Serienfahrzeugs.“ Dazu gehört auch, dass Zulieferer die passenden Bauteile zur Verfügung stellen und an das Design des eActros anpassen. „Viele der Komponenten, die verbaut sind, gibt es noch gar nicht in Serie, sie müssen also technisch noch optimiert und auf Serienstandard ausgebaut werden“, so Lazik. „Hier müssen wir ein Ökosystem an Zulieferern aufbauen, das uns ermöglicht, langfristig zuverlässige Fahrzeuge zu bauen.“

Derzeit wird der eActros weiter im Kundeneinsatz gefahren und getestet. „Wir sehen dabei, dass er insbesondere mit Blick auf die neuen elektrischen Komponenten sehr robust ist – es gibt kaum Probleme. Er ist praxistauglich und markiert für uns den Eintritt in den CO2-neutralen Transport im Fahrbetrieb.“ Auch die große Zugmaschine mit 40 Tonnen Zugkraft hält Lazik für denkbar: „Der Fokus liegt für uns vorerst im schweren Verteilerverkehr, aber wir behalten alle Branchen und Anwendungen im Blick.“

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2 Kommentare

  1. gut gemacht. Thema ist auf den Punkt gebracht, technisch und wirtschaftlich sauber nachvollziehbar.

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    • Hi Bernd, vielen Dank für dein Lob! LG, dein motionist.com-Redaktionsteam

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