Wenn der Roboter an der Haustür klingelt

Lesezeit ca. 4 Minuten
Text: Juliane Gringer
Fotos: TU Berlin

Mit dem Projekt „BeIntelli“ erforscht die TU Berlin gemeinsam mit vielen Partnern, wie eine intelligent vernetzte Mobilität in der Stadt funktionieren kann.

Stellen Sie sich vor, Ihre Pakete werden nicht mehr vom Boten zu Ihnen an die Haustür geliefert, sondern kleine Lieferroboter bringen die Sendungen über den Bürgersteig ans Haus und klingeln an Ihrer Tür. Wie fühlt sich dieses Szenario an? Klingt es für Sie nach einer smarten Innovation, oder finden Sie es eher beängstigend, dass so ein Gerät dann Ihre Adresse kennt und jemand dem kleinen Kerl die Ladung stehlen könnte? „Wie Menschen künstliche Intelligenz wahrnehmen und wie offen sie dafür sind, wird maßgeblich beeinflussen, wie gut sich Technologien im Alltag durchsetzen können“, erklärt Prof. Dr.-Ing. Frank Straube, Leiter des Fachgebiets Logistik am Institut für Technologie und Management der Technischen Universität (TU) Berlin.

Wie gut akzeptieren Menschen KI?

Im Rahmen des Projekts „BeIntelli“ erforscht er deshalb gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen, wie Menschen KI in der Mobilität akzeptieren und wie ein intelligentes Verkehrssystem mit elektrisch angetriebenen, autonomen Fahrzeugen, die Personen oder auch Waren befördern, funktionieren kann. Teil des Teams ist beispielsweise Professor Sahin Albayrak, Leiter des Labores für Distributed Artificial Intelligence an der TU, der mit seiner Informatik-Kompetenz den Bereich der verteilten Künstlichen Intelligenz betreut: „Wir entwickeln Fahrzeuge und ihre Komponenten weiter zu Systemlösungen für eine übergeordnete Mobilität, um die Effizienz der City-Logistik zu erhöhen“, erklärt er.

Reale Teststrecke mitten in Berlin

Im Rahmen des riesigen Projekts, das mit rund 25 Millionen Euro vom Verkehrsministerium gefördert wird, entsteht das größte KI-Reallabor Europas in Berlin. Dort sind zwischen Kurfürstendamm und Brandenburger Tor auf einer realen Teststrecke Pkw, Busse, SUVs und Lieferroboter im Einsatz. Dabei werden unter anderem Test-Bushaltestellen für den digitalisierten öffentlichen Personennahverkehr installiert. Fahrzeuge sollen zu intelligenten Mobilitätssystemen wachsen, die energieeffizient sowie nachhaltig arbeiten und den Nutzerinnen und Nutzern mehr Sicherheit, Gesundheit, Komfort und auch Produktivität bieten: Die Sicherheit wird erhöht, indem die Fahrzeuge Personen und deren Verhalten erkennen. Die Wagen stoßen weniger CO2 aus, was die Luftqualität verbessert und damit die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger positiv beeinflussen kann. Und wer nicht selbst am Lenkrad sitzen muss, kann unterwegs zum Beispiel entspannen oder arbeiten und damit mehr Produktivität realisieren.

Intelligenz nicht nur im Fahrzeug

„Unser Konzept sieht vor, dass nicht die gesamte Intelligenz im Fahrzeug sitzt. Wir glauben an verteilte intelligente Systeme und setzen einen Teil von ihnen in die Infrastruktur, installieren Sensoren und Kameras entlang der Straßen“, erläutert Frank Straube. „Die Fahrzeuge bekommen damit eine völlig neue Rolle in der Realisierung von Logistikmobilität.“ Eine sogenannte KI-Middleware steuert die künstlichen Intelligenzsysteme zwischen möglichen Objekten und Anwendungsfeldern. Großrechner an der KI lenken dann die Fahrzeuge aus der Ferne – das wurde im Vorgängerprojekt „DIGINET PS“ bereits erfolgreich erprobt. „Dort haben wir viel darüber gelernt, wie Fahrzeuge und die Infrastruktur auf den Straßen miteinander funktionieren können. Dieses Wissen setzen wir jetzt ein, um mehr zu realisieren als nur autonomes Fahren“, so Straube.

Dynamische Entladeplätze

Der Logistik-Professor ist in dem Projekt für den Bereich Güterverkehrslogistik verantwortlich. Er untersucht unter anderem, wie sich nachhaltige Logistiklösungen realisieren lassen, um den knappen Raum in der Stadt effizienter zu nutzen. „Wir denken beispielsweise an dynamische Entladeplätze: Man muss keine Flächen frei halten, wenn gerade nichts zu entladen ist – aber wenn viele Lieferungen kommen, soll das System erkennen, wo Fahrzeuge am besten in Parklücken passen, und diese Plätze für sie reservieren.“ Außerdem könnten die eingangs beschriebenen Lieferroboter den Einzelhandel sowie Privatleute beliefern. Auch die höhere Sicherheit, die intelligente Mobilität bieten kann, ist dem Forscher wichtig: „Wir wollen mit alldem zu einer lebenswerten Stadt beitragen, die wettbewerbsfähig bleibt und nachhaltig ist.“

»Wir wollen zu einer lebenswerten Stadt beitragen, die wettbewerbsfähig bleibt und nachhaltig ist.«

Prof. Dr.-Ing. Frank Straube, Leiter des Fachgebiets Logistik am Institut für Technologie und Management der Technischen Universität (TU) Berlin

Was „BeIntelli“ alles ermöglicht, soll am Berliner Ernst-Reuter-Platz in einem Zentrum für erlebbare künstliche Intelligenz der Öffentlichkeit gezeigt werden: Dort werden Workshops und Infoveranstaltungen stattfinden, und man kann an Demonstrationsfahrten in autonomen Pkw oder Bussen teilnehmen. „Die Erkenntnisse des Projekts sollen reflektiert werden, nicht nur von den Beteiligten, sondern auch von der Bevölkerung, der Politik und allen Menschen, die sich dafür interessieren“, so Straube. „Damit soll ,BeIntelli‘ auch Berührungsängste abbauen und über die Technologien aufklären, um deren Akzeptanz zu erhöhen.“

Forschung auf die Straße bringen

Ein weiteres Projekt ist derzeit in Planung: Dabei soll der zusätzliche Einsatz von Drohnen getestet werden. „Sie werden selbst nichts liefern, sondern als Blickerweiterung für die autonomen Fahrzeuge dienen“, erklärt Straube. „Sie können beispielsweise in die Seitenstraßen schauen und dort Parkplätze aufspüren, an denen man intelligent entladen könnte.“ „BeIntelli“ ist bereits gestartet, die ersten Fahrzeuge fahren seit dem Frühjahr 2021. Bis 2023 läuft das Projekt, und es werden noch Partner gesucht. „Wer Interesse hat, an ,BeIntelli‘ mitzuwirken, kann assoziierter Partner werden, eigene Anwendungsfälle definieren oder ein eigenes, reales Infrastrukturthema einbringen und solche Szenarien selbst mit testen“, sagt Straube. Bei Interesse könne man ihn gern direkt kontaktieren. In Zukunft stellt „BeIntelli“ seine Daten und Modelle anderen Marktteilnehmern wie Start-ups und Industriepartnern zur Verfügung: So sollen weitere KI-gestützte Mobilitätslösungen möglich und die Forschung auf die Straßen gebracht werden.

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