Vom Lkw-Fahrer zum Piloten-Coach

Lesezeit: ca. 4 Minuten
Text: Herbert Schadewald
Fotos: Reinert Logistics

Piloten-Coach – das klingt nach Luftfahrt. Tatsächlich ist es aber sehr bodenständig, geht es doch um die Könige der Landstraße: die Lkw-Fahrer. Damit sie ihre verantwortungsvollen Aufgaben optimal erfüllen können, bildet die Spedition Reinert Logistics spezielle Fahrtrainer aus. Schließlich geht es um viel mehr als nur darum, den Lastzug vom Be- zum Entlader zu steuern.

Jürgen Knaack ist der oberste „Piloten-Coach“ bei der Spedition Reinert Logistics. In dieser Rolle trainiert er seine Kollegen, besonders sicher, wirtschaftlich und effizient zu fahren. Die über 570 Fahrer, die für Reinert Logistics unterwegs sind, werden intern „Lkw-Piloten“ genannt – eine Bezeichnung, mit der das 1990 im sächsischen Schleife gegründete Logistikunternehmen die Anerkennung gegenüber dem Beruf deutlich machen will. „Ähnlich wie Flugzeugpiloten tragen wir schließlich viel Verantwortung, müssen komplexe Aufgaben bewältigen und immer auf die Sicherheit achten“, so Jürgen Knaack. „Und die Fahrerkabinen mit ihrer ganzen Technik kommen den Cockpits im Himmel inzwischen ziemlich nah.“

Vom „Bock“ auf die Schulbank

Reinert Logistics hat das Projekt Anfang 2018 gestartet. „Wir haben damals 50 langjährige Bestandsfahrer angesprochen, ob sie sich vorstellen können, diese Aufgabe zu übernehmen“, berichtet Jürgen Knaack. „Diese Kollegen hatten mit besonders guter Fahrweise auf sich aufmerksam gemacht – sie brachten also schon viel Erfahrung und Verantwortungsbewusstsein mit.“ In der Fahrschule Axel Bernburg (FAB) fand das Logistikunternehmen einen kompetenten Partner für den eigens entwickelten Grundkurs: eine dreiwöchige Ausbildung, für die die Piloten-Coach-Kandidaten im Februar 2018 vom „Bock“ auf die Schulbank wechselten. Ihnen wurden Führungsqualitäten vermittelt, und sie vertieften das Trucker-Einmaleins vom richtigen Spiegeleinstellen über das Rangieren bis hin zu wirtschaftlichem Fahren sowie der Auftragserfassung per Tablet.

Die Piloten-Coaches (von links): Jozia Marcin, Jürgen Knaack und Daniel Nurzynski

Firmeneigene Digitaltechnik im Cockpit

Inzwischen haben die Coaches mehr als 400 Reinert-Piloten geschult. Zu ihren Aufgaben gehört auch, polnische Kollegen zu begleiten. Die ausländischen Kollegen absolvieren eine dreitägige Grundausbildung am Reinert-Standort im polnischen Olszyna – auch dieses Training wird von Piloten-Coaches geleitet. Die Teilnehmer werden vor allem mit der firmeneigenen Digitaltechnik vertraut gemacht, denn alle Reinert-Lastzüge sind mit Tablets ausgestattet. Diese werden nicht nur zur Navigation genutzt, sondern helfen auch dabei, das Auftragsmanagement fast papierlos abzuwickeln, die Frachtübernahme zu erfassen sowie die Anlieferungsbedingungen oder Transportschäden zu dokumentieren. Außerdem sammeln die Geräte Fahrzeugdaten wie Tempo, Motordrehzahl, Kraftstoffverbrauch, Bremseinsatz sowie Lenk- und Ruhezeiten. Die Informationen nutzt das Unternehmen unter anderem, um Leerfahrten zu minimieren oder die Lkw-Piloten zu unterstützen, ihren verbrauchsarmen Fahrstil zu verbessern.

In der firmeneigenen Mitarbeiter-App geben die Coaches praktische Tipps im Text- und auch im Videoformat, zum Beispiel Hinweise zum optimalen Einscher- und Abbiegeverhalten.

Ausbildung lässt Schadensbilanz sinken

Ein weiterer Schwerpunkt der Schulungen sind Fahrtrainings: So üben die Fahrer unter anderem das Manövrieren in sehr engen Passagen. Der Piloten-Coach begleitet den neuen Kollegen in dessen erster Arbeitswoche in der Kabine. In dieser Phase entscheidet sich, ob der Neuling auch weiterhin die blauen Reinert-Lastzüge steuern wird – ist das der Fall, bleibt der Trainer sein unmittelbarer Ansprechpartner.

Jürgen Knaack ist mit den bisherigen Erfahrungen mit dem Coaching-Projekt sehr zufrieden: „Die Piloten verursachen beispielsweise deutlich weniger Schäden, seit sie von den Coaches begleitet werden.“ Wenn ein Unfall passiert, wird dieser gründlich analysiert und geprüft, was sich gegen die Ursachen tun lässt. Die Coaches achten besonders darauf, dass ihre Schützlinge die Ladung optimal sichern. „Insbesondere die wird in der Praxis manchmal zu lasch gehandhabt“, so Knaack. „Dabei lauern gerade in diesem Bereich einige der größten Unfallgefahren.“

Die Piloten-Coaches fahren zudem auch mal raus und kontrollieren die Kollegen vor Ort: Auf Rastplätzen sprechen sie dann beispielsweise über das richtige Abstellen der Fahrzeuge. Die angespannte Parkplatzsituation an den Autobahnen kann dazu verleiten, hier Abstriche zu machen – deshalb ist es besonders wichtig, auf die damit verbundenen Risiken hinzuweisen.

Reinert Logistics entwickelt sich ständig weiter und will bis 2025 zu den Top 20 der Branche gehören. Als Piloten-Coach können die Mitarbeiter an diesem Prozess teilhaben und ihn selbst mitgestalten.

Eine positive Fehlerkultur etablieren

Parallel zum Piloten-Coach-Projekt schuf Reinert Logistics eine offene Fehlerkultur: Auch Bagatellschäden wertet das Unternehmen nicht nur mit den Betroffenen aus, sondern mit allen Fahrern. Der Lkw-Pilot schildert zunächst die Dinge aus seiner Sicht. Dann sucht man gemeinsam nach Lösungen, um derartige Unfälle künftig zu vermeiden, und kommuniziert diese an alle Kollegen. „Es geht uns nicht um Schuldzuweisungen, wir wollen vielmehr die Fahrer sensibilisieren“, berichtet Jürgen Knaack. „Diese unvoreingenommenen Fehlerauswertungen wirken sich spürbar positiv auf das Team aus und spornen die Trucker an, sich kontinuierlich zu hinterfragen und zu verbessern.“

Allerdings ist es bisher eine Herausforderung, auch die langjährigen Fahrer ins Boot zu bekommen. Bei ihnen ist die Schadensquote nahezu unverändert hoch. Jürgen Knaack sieht die Ursache in der Routine des Transportalltags, die dafür sorgt, dass Risiken unterschätzt werden. Umso wichtiger sei es, konsequent dranzubleiben und die Fahrer mit Wissen und Know-how zu unterstützen. Außerdem soll die Kooperation mit den Disponenten verbessert werden. „Alles in allem ergibt das Piloten-Coach-Projekt einen Mehrwert“, so Knaack. „Denn die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass wir dadurch die Qualität der Straßentransporte erheblich steigern konnten.“

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