Trucker bescheren ein Weihnachtswunder

Lesezeit: ca. 4 Minuten
Text: Juliane Gringer
Fotos: privat

Als „Weihnachtstrucker“ fährt Stefan Giuliani jedes Jahr in arme Regionen Osteuropas, um dort Hilfspakete an Bedürftige zu verteilen. Mit einem 40-Tonner der REICHHART Logistik GmbH bringt er Lebensmittel und Hygieneartikel zu Menschen, für die das die kostbarsten Geschenke sind.

Zucker, Mehl, Reis und Zahnpasta: Ein Paket mit alltäglichen Dingen wie diesen ist für manche Menschen ein großes Geschenk. Im Rahmen der Hilfsaktion „Weihnachtstrucker“ bringen die Johanniter jedes Jahr Ende Dezember Tausende gespendete Pakete mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln zu notleidenden und bedürftigen Kindern, Familien, Senioren und Menschen mit Behinderung in Osteuropa. Freiwillige Helferinnen und Helfer fahren die Sendungen per Lkw nach Albanien, Bosnien, Bulgarien, Rumänien und in die Ukraine – in kleine Städte und schwer zugängliche Bergdörfer, zu Armenküchen, Roma-Siedlungen und in entlegene Regionen. In fünf langen Konvois steuern die Trucker rund 270 Verteilstellen an und bescheren den Menschen vor Ort ein kleines Weihnachtswunder.

Einer der Lkw-Fahrer ist Stefan Giuliani aus Ottobeuren im Allgäu. Durch einen Bekannten, der sich selbst bei der Aktion engagiert, wurde er vor gut zehn Jahren auf die Weihnachtstrucker aufmerksam: „Er hat mir Fotos gezeigt und von seinen Touren erzählt. Ich war sofort fest entschlossen, dabei mitzumachen.“

Leidenschaft fürs Lkw-Fahren

Denn Stefan Giuliani, der sich auch seit 28 Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr engagiert, hilft gern, und dazu packt er am liebsten selbst an. „Ich bin nicht der Typ, der einfach nur Geld spendet und darauf vertraut, dass damit schon irgendwas Gutes passieren wird“, sagt der routinierte Lkw-Fahrer. Mit Touren „auf dem Bock“ hat er sich einst schon sein Studium finanziert. „Und weil es mir so viel Spaß macht, fahre ich heute immer noch nebenbei.“ Er hat einen Nebenjob als Trucker angenommen, damit er noch regelmäßig im Lkw sitzen kann.

Um bei den Weihnachtstruckern mitzumachen, brauchte Giuliani ein Fahrzeug – und das war gar nicht so leicht zu finden. „Ich habe mich zwei Jahre lang von Speditionen über Fahrschulen bis zu Anbietern von Fahrsicherheitstrainings durchtelefoniert, aber nichts erreicht. Es schien aussichtslos“, erinnert er sich. „Dann meinte eine Bekannte, sie könne bei REICHHART Logistik nachfragen, das sei ihr Logistikpartner – die seien nett und würden das bestimmt machen. Ich hab nicht mehr dran geglaubt, dass das klappt, aber nur einen Anruf später war klar: Sie sind dabei!“

»Ich bin nicht der Typ, der einfach nur Geld spendet und darauf vertraut, dass damit schon irgendwas Gutes passieren wird.«

So kann er seit inzwischen zehn Jahren für die Aktion jeweils einen 40-Tonnen-Hänger-Zug des Logistikers nutzen. „Obwohl wir uns gar nicht kannten, hat mich das Unternehmen von der ersten Sekunde an unterstützt. Das fand ich echt prima“, sagt Giuliani. Für Michael Jackl, geschäftsführender Gesellschafter von REICHHART Logistik, ist es „ein Anliegen, bei dieser Aktion gemeinsam mit anderen Unternehmen, ehrenamtlichen Fahrern und den vielen freiwilligen Helfern ein Zeichen der Solidarität zu setzen“. Besonders freut ihn die langjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Fahrer: „Herr Giuliani sorgt mit dafür, dass Tausende Hilfspakete sicher bei den Bedürftigen ankommen. Für viele Menschen sind diese Pakete ein Lichtblick und zeigen ihnen, dass sie in ihrer Not nicht vergessen sind. Dafür setzen wir uns gerne ein.“

Viele prägende Eindrücke

Im ersten Jahr fuhr der Helfer, der als stellvertretender Leiter Kundendienst bei einem Unternehmen für Fahrzeugtechnik arbeitet, nach Albanien, dann mehrmals nach Rumänien, 2019 nach Bulgarien. In der Regel ist er bei einem Einsatz sechs Tage unterwegs: Rund zwei Tage dauert die Reise in die Länder, zwei Tage ist er vor Ort, weitere zwei Tage braucht er für die Rückfahrt. Bei diesen Touren hat er prägende Momente erlebt. „Wir treffen am Ziel auf sehr arme Menschen, die kaum wissen, ob sie das nächste Jahr überleben oder ob sie einer Krankheit erliegen oder verhungern. Viele von ihnen sind alt, krank und verletzt“, erzählt er. „Oft haben sie nur das, was sie selbst anbauen oder mit Nachbarn tauschen können. Und so kann man sich kaum vorstellen, wie groß die Freude über so nüchterne und für uns selbstverständliche Dinge wie Lebensmittel und Zahnpasta ist.“ Die Empfänger sind unendlich dankbar: „Sie warten stundenlang in der Kälte auf uns. Kinder überreichen uns selbstgemalte Bilder. Ein Bauer in Rumänien hat uns, obwohl er so gut wie gar nichts hat, eine Tüte mit drei Walnüssen geschenkt – ihm war wichtig, etwas zurückzugeben.“

Wenn Stefan Giuliani und die anderen Helfer mit ihren Trucks anrollen, warten die Menschen oft schon seit Stunden auf sie. Die Pakete enthalten neben Lebensmitteln und Hygieneartikeln auch kleine Geschenke für Kinder.

Giuliani nimmt auch beklemmende Eindrücke mit nach Hause. „Ich sehe sehr viel Leid. Als Mitteleuropäer kann man sich kaum vorstellen, dass es so schlimme Zustände noch gibt – und das teilweise in EU-Ländern. Es gehört zu diesem Engagement dazu, dass nicht alles schön ist, was man dabei erlebt.“ Die Weihnachtstrucker steuern vor allem ländliche Regionen an. Dort ist das Leben geprägt von schlechter Infrastruktur und hoher Arbeitslosigkeit, es gibt kaum gesundheitliche Versorgung und Bildungsangebote für Kinder. Zurück in Deutschland braucht Giuliani oft einige Wochen, bis er seine Eindrücke verarbeitet hat. „Wenn sich dann hier jemand im Restaurant beschwert, dass sein Steak nicht richtig gebraten sei, sehe ich das in einem ganz anderen Licht.“ Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm ein Besuch in der rumänischen Stadt Cluj. „Dort gibt es eine Müllkippe am Stadtrand, auf der eine Gruppe von Menschen seit Generationen lebt“, berichtet er. „Sie ernähren sich von Abfall und leben ganz zurückgezogen. Dort werden die Pakete dringend gebraucht, aber unser Einsatz war auch nicht ganz ungefährlich: Wir wurden von zwei Mannschaftswagen der Polizei begleitet, die uns vor möglichen Übergriffen schützen sollten.“

Kaum Winterdienst und viel Korruption

Weitere Herausforderungen können Pannen, beispielsweise durch Reifenschäden, unterwegs sein. „Wir sind meist mit mehr als 40 Lkw plus unzähligen Begleitfahrzeugen auf der Straße – da passiert jedes Jahr irgendetwas“, so Giuliani. „Ich selbst hatte bisher großes Glück, weil ich immer sehr neue und gut gepflegte Fahrzeuge fahren durfte, da gab es technisch noch keine Probleme. Die Witterung ist aber immer unberechenbar – und jenseits von Ungarn gibt es kaum noch funktionierenden Winterdienst. Wenn es da mal schneit oder friert, sind wir ziemlich auf uns selbst gestellt und können schauen, wie es weitergeht.“ Auch der Korruption von Polizei, Zöllnern und Grenzern sind sie mitunter ausgesetzt: „Da hängen wir teilweise viele Stunden an einer Grenze fest, weil uns überladene Achsen oder fehlende Papiere unterstellt werden. Als ich einmal längere Zeit in einem Grenzbüro aufgehalten wurde, durfte ich nach viel Hin und Her und einer großzügigen Spende von zwei Tafeln Schokolade und drei Rollen Kekse weiterfahren und konnte versuchen, den Konvoi noch einzuholen. Aber da wird einem schon mal ein bisschen mulmig.“

Die Weihnachtstrucker bringen die Pakete möglichst direkt zu Menschen, die dringend Hilfe benötigen. Stefan Giuliani überreicht die Spenden in der Regel persönlich.

Ganz sicher sein zu können, dass die Pakete direkt Menschen erreichen, die sie wirklich brauchen – das ist für Stefan Giuliani eine ganz wichtige Motivation, sich jedes Jahr wieder an der Aktion „Weihnachtstrucker“ zu beteiligen. „Wenn ich Fotos von unseren Einsätzen mache und sie zu Hause Freunden und Bekannten zeige, schließen sich viele an und spenden auch – es schafft einfach Vertrauen, wenn man sieht, dass diese Hilfe wirklich ankommt.“ In den Zielregionen arbeiten die Johanniter mit Partnern wie Kirchengemeinden, Schulen, privaten Initiativen oder anderen Hilfsorganisationen zusammen, die einen guten Überblick haben, wer Hilfe braucht, und eine gerechte Verteilung unterstützen können.

Aktion findet auch in diesem Jahr statt

Auch 2020 hat Stefan Giuliani wieder zwei Wechselbrücken in Schweinfurt und Würzburg abgestellt. Dort werden Spendenpakete gesammelt. „Wir hoffen natürlich, dass die Bevölkerung auch in diesem Jahr bereit ist, uns kräftig zu unterstützen.“ 1.200 Pakete müssen mindestens in einen Truck, dann kann er nach Heiligabend losfahren. In diesem Jahr fällt aufgrund der Corona-Pandemie allerdings auch hier Planung schwer. „Wir wissen noch nicht, wann wir fahren können“, so Giuliani. „Risikogebiete werden wir nicht ansteuern, um uns selbst zu schützen. Aber was ganz sicher ist: Die Aktion findet auch 2020 statt, es werden Pakete gesammelt, und sie werden auch verteilt werden. Gerade jetzt brauchen die Menschen uns umso mehr.“
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