Starke Achse, starker Antrieb: Die hydraulische Antriebsachse AGRO Drive

Lesezeit ca. 5 Minuten
Text: Wolfgang Tschakert und Peter Büttner
Fotos: BPW

Weitermachen, wenn andere aufhören: Die hydraulische Antriebsachse AGRO Drive von BPW macht Gespanne wieder flott, bevor sie stecken bleiben. Ein hydrostatischer Fahrantrieb hält Anhänger und Arbeitsmaschinen in Bewegung.

Der Fendt-Traktor muss schon seine gesamte Antriebsleistung mobilisieren, um mit dem fast 40 Tonnen schweren Gespann durch das nasse Feld zu pflügen. Es nützt nichts – plötzlich steckt das Fahrzeug mit Hänger fest. Trotz des permanenten Allradantriebs und hochspezialisierter Offroad-Reifen bringt der Hochleistungstraktor sein gewaltiges Drehmoment nicht mehr auf den Boden. Der schwere Güllefass-Anhänger im Schlepp baut unter seinen breiten Niederdruckreifen immer mehr Rollwiderstand auf. Ein größerer Flurschaden ist jetzt nicht mehr weit: Führe sie weiter, würde sich die Zugmaschine eingraben und tiefe Spuren hinterlassen.

Auf weichen, lockeren Böden oder bei Hangfahrten stoßen Agrarfahrzeuge oft an ihre Grenzen. Doch Peter Lindner, Leiter Vertrieb Agrar Deutschland bei BPW, hat für diese Fälle eine gute Nachricht: „Um das Anfahren auf solchen Untergründen zu erleichtern und ein Steckenbleiben zu verhindern, haben wir eine hydraulische Antriebsachse für landwirtschaftliche Anhänger entwickelt.“ BPW AGRO Drive heißt die Lösung, die im Einsatz den Unterschied macht – denn mit dem Zusatzantrieb bleiben Gespanne selbst unter schwierigsten Bedingungen in Fahrt. Auf Knopfdruck kann der Traktorfahrer dem Fahrzeug im entscheidenden Moment vorwärts wie rückwärts zusätzlichen Schub verleihen.

Das Prinzip ist einleuchtend: AGRO Drive verteilt die vorhandene Antriebsleistung auf eine Achse mehr. Die sitzt gut ausgelastet direkt unter dem Ladungsträger und schiebt genau dort an, wo das Gespann sonst nur Rollwiderstand erzeugt. „Da sie den Vortrieb aber nur bei Bedarf unterstützt, zweigt sie ansonsten keine Antriebsleistung ab. Das spart kostbare Energie“, erklärt Lindner.

Größer und schwerer

Traktion kann man nicht genug haben, schon gar nicht bei der Feldarbeit. Reicht sie nicht aus, bleiben auch die raffiniertesten Bearbeitungsgeräte wirkungslos. Selbst allradgetriebene Hochleistungstraktoren geraten mit schweren Agrargespannen schnell an ihre Grenzen, wie intensive Fahrtests der BPW Techniker anschaulich demonstrieren. Das Problem: Auf nassem und tiefem Terrain fehlt den Antriebsachsen der Traktoren die nötige Achslast, um hohe Motordrehmomente in Fortbewegung umzusetzen. Gleichzeitig werden die gezogenen Agrarfahrzeuge und -geräte absehbar immer größer und schwerer. Zwei Aspekte, die für zusätzliche Antriebsleistung sprechen.

Bedarf ist zweifellos vorhanden: Noch im vergangenen Herbst mussten viele Lohnunternehmer leidvoll erfahren, was es heißt, aufgrund von Nässe ihre Flächen nicht befahren zu können. Auch mit Blick auf die Folgen der novellierten Düngeverordnung, durch die künftig im Frühjahr in engen Zeitfenstern deutlich größere Mengen an Gülle und Gärreste auszubringen sind, bietet AGRO Drive enorme Vorteile: Das kostspielige Warten auf optimale Bodenverhältnisse kann endlich entfallen. „Nicht mehr der günstigste Lohnunternehmer bekommt den Zuschlag, sondern derjenige, der die Flächen überhaupt noch befahren kann“, schildert Peter Lindner.

BPW reagiert mit der Neuentwicklung auf die Hinweise vieler Nutzer, Antriebsachsen einsetzen und damit flexibler sein zu wollen. „Für uns war das Neuland, aber es passt hervorragend zu unserer Strategie, bei Nutzfahrzeugen im Fahrwerks- und Antriebsbereich ein wirklich vollständiges Portfolio für den Agrarbereich anzubieten, besonders in außergewöhnlichen Anwendungsbereichen“, so Lindner. Die Voraussetzungen für den Anhängerantrieb sind dabei sehr überschaubar: Man benötigt lediglich eine Zugmaschine mit Arbeitshydraulik, über die die meisten modernen Traktoren heute ohnehin verfügen.

Der Zusatzantrieb in der vorderen Achse sorgt für eine erhöhte Leistung in schwierigem Gelände.

Zwei Fahr- und Arbeitsgeschwindigkeiten

Der wesentliche Unterschied von BPW AGRO Drive gegenüber anderen hydraulischen Antrieben liegt in der zweistufigen Leistungsabgabe. So liefert die Antriebsachse im ersten Gang volles Drehmoment – dann, wenn es auf maximale Schubkraft ankommt. In diesem Fall fährt und arbeitet die Traktor-Anhängereinheit mit Geschwindigkeiten von bis zu sechs Kilometern pro Stunde. Mit der selektiven Abschaltung jedes zweiten Zylinders schafft das Gespann mit verringertem Drehmoment 10 bis 13 Stundenkilometer. Maximal verfügt die Achse über eine Antriebsleistung von 37.000 Newtonmetern bei 400 Bar, ist aber auch mit 200 Bar Betriebsdruck aus der Schlepperhydraulik verwendbar. Spätestens bei 15 Stundenkilometern schaltet das Antriebssystem automatisch in den integrierten Freilauf.
Mátyás Andrási, Konstruktionsleiter bei BPW-Hungária, bedient das AGRO-Drive-System über eine Steuereinheit in der Zugmaschine.

Vielseitig verwendbar

Ein weiterer Vorteil der innovativen Lösung: Das AGRO-Drive-Antriebssystem benötigt nur wenige Komponenten. Durch das ausgefeilte Design erfordert die AGRO-Drive-Achse auch in der Werkstatt keinen zusätzlichen Aufwand. Wartungsarbeiten und Bremsbelagwechsel können vorgenommen werden, ohne den hydraulischen Motor zu demontieren. Möglich ist dies durch das BPW Bremssystem, bei dem die Bremstrommel sich einfach nach außen abziehen lässt. Der Achsantrieb ist in blatt-, luft- und hydraulisch gefederten Aggregaten nutzbar. Die Achslastreserve des Aggregats ist beträchtlich, bis zu einer Fahrgeschwindigkeit von 40 Stundenkilometern sind satte 13.500 Kilogramm möglich. Bedient wird das System über eine kleine Steuereinheit im Terminal der Zugmaschine. Mit den Tasten bestimmt der Fahrer exakt das Druckniveau, die Fahrtrichtung, den passenden Gang oder den Freilauf. Mit einem Blick auf das Display lässt sich das gesamte System bequem überwachen.

Darüber hinaus lässt sich über eine serienmäßige Schnittstelle problemlos ein Reifendruckregelsystem installieren. Damit kann der Fahrer unterwegs die modernen Niederdruckreifen seines Agraranhängers an extreme Bodengegebenheiten anpassen. Zudem ist es möglich, Drehzahl, Drehrichtung- und ABS-Sensoren in die Achse zu integrieren, um Informationen für weitere Anwendungen aus der Achse zu erhalten. Für das Antriebssystem spricht auch das geringe Zusatzgewicht der hydraulisch angetriebenen Achse: Nur etwa 350 Kilogramm bringt die AGRO-Drive-Achse mehr auf die Waage.

Für die Kunden kann sich die Anschaffung der Antriebsachse durchaus auch unter wirtschaftlichen Aspekten lohnen – nämlich dann, wenn die Nutzung den Kauf einer leistungsstärkeren Zugmaschine überflüssig macht. So lassen sich Anhänger mit AGRO-Drive-Achsen auch mit leistungsschwächeren Traktoren betreiben.

In der AGRO-Drive-Achse bündelt BPW sein gesamtes Fahrwerks-Know-how. Entwickelt wurden die Achsen gemeinschaftlich von Vertrieb, Anwendungsberatung und Konstruktion, produziert werden sie im ungarischen Werk, das BPW unter anderem zu seinem Kompetenzzentrum für Agrarfahrwerksysteme ausgebaut hat – mit eigenem Versuchszentrum inklusive Bremsprüfstand und Hydropulsanlage. Das System ist ein gutes Beispiel für die vielen Neuentwicklungen, mit denen BPW Agrar sein Produktportfolio derzeit erweitert.

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Zu den Neuheiten gehört unter anderem die Weiterentwicklung des Fahrwerkscomputers AGRO Hub um ein innovatives Wiegesystem. Mit dem BPW AGRO Hub erhalten Agrarkunden eine detaillierte Übersicht über die Laufleistung der Fahrwerke, die in ihren Agrar-Anhängern verbaut sind. Über einen Sensor wird sowohl die Tages- als auch die Gesamtlaufleistung in Stunden und Kilometern ermittelt. Durch die Integration von zusätzlichen Achslastsensoren kann der Fahrzeugbetreiber neuerdings das Gewicht der Anhänger erfassen und speichern. „Die Sensoren messen das Gewicht eines Anhängers auf circa zwei Prozent genau. Viele unserer Agrarkunden rechnen ihre Leistungen heute über das Gewicht ab. Mit unserem neuen Wiegesystem bieten wir ihnen eine besonders wirtschaftliche Lösung dafür“, erklärt Peter Lindner. Über die Auswertung dieser Daten, zum Beispiel als Histogramm, lässt sich die Fahrzeugnutzung schnell und einfach dokumentieren. Die Informationen können über die BPW AGRO App kabellos an Android-Smartphones und nun auch über ISO-Bus-Kommunikationskanäle an das Anzeigegerät der Arbeitsmaschine übertragen werden.

Ein weiterer Meilenstein ist zweifellos die Erweiterung des Angebots um eine Achsfamilie mit neun Tonnen Achslast – wodurch das Unternehmen das Spektrum nach unten abgerundet hat. Darüber hinaus hat BPW das Angebot im oberen Segment der schweren Achsen erweitert. „Unser Anspruch ist es, für alle Anwendungsbereiche passende und wirtschaftliche Lösungen anzubieten“, berichtet Mátyás Andrási, Konstruktionsleiter bei BPW-Hungária. Das Unternehmen ist auf einem guten Weg.

Agrarprodukte aus dem BPW Kompetenzzentrum

Die AGRO-Drive-Achse wird von BPW-Hungária Kft. am Standort Szombathely im Nordwesten Ungarns gefertigt. Die 100-prozentige Tochtergesellschaft der BPW Bergische Achsen KG ist das Kompetenzzentrum für landwirtschaftliche Fahrzeuge und Maschinen in der Unternehmensgruppe. Das Produktportfolio reicht von Laufachsstummeln über Einzelachsen bis hin zu kompletten Tridem-Fahrwerken mit Rahmen inklusive Federung und montierter Bremsanlage. Mehr als 1.500 Mitarbeiter fertigen in Ungarn die hochwertigen und technisch anspruchsvollen Achsen und Fahrwerksysteme. Der Vertrieb der Agrarprodukte erfolgt über das weltweite Netzwerk der BPW Gruppe.

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