Schneller Batteriewechsel statt langem Ladefrust

Lesezeit ca. 7 Minuten
Text: Oliver Schönfeld
Fotos: Meyer & Meyer, Hornischer GbR, Uwe Lewandowski

An der Wechselstation vorfahren, das Fahrzeug abstellen und nach einer kurzen Kaffeepause die Tour mit frischer Batterie fortsetzen: „Route Charge“ macht Elektromobilität für die Fahrer von Meyer & Meyer auf neue Weise erlebbar – ganz ohne den Frust langer Ladezeiten. Der Fashion-Logistiker plant das Batteriewechselsystem im festen Linienverkehr einzusetzen. Und dies ist nicht das einzige E-Mobility-Projekt des Familienunternehmens aus Osnabrück.

Die Frage ist fast so alt wie die Geschichte der E-Mobilität selbst: Lassen sich lästige Ladezeiten vermeiden, indem man beim „Tankstopp“ kurzerhand die geleerte gegen eine frisch aufgeladene Batterie austauscht? Mit dieser Herausforderung beschäftigen sich Ingenieure und Entwickler seit vielen Jahren. Verschiedene Projekte sowohl im Pkw- als auch im Nutzfahrzeugbereich haben es bis in die Phase der Erprobung auf der Straße geschafft. Die E-Autos von „Better Place“ etwa zählen zu den bekannteren Anläufen für Batteriewechselsysteme. Technische Hürden und hohe Kosten machten allerdings auch deutlich, dass der Weg von der Theorie bis in die Praxis beschwerlich sein kann. Einen neuen – sehr vielversprechenden – Anlauf unternehmen jetzt die Beteiligten von „Route Charge“.

Batterietausch in 15 Minuten

Das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderte Forschungsprojekt „Route Charge“ ist im Frühjahr 2020 in die entscheidende Phase eingetreten: Im täglichen Linienverkehr des Osnabrücker Fashion-Logistik-Spezialisten Meyer & Meyer muss das neu konzipierte E-Nutzfahrzeug seine Praxistauglichkeit unter Beweis stellen. Nach einer ersten Testphase, die erfolgreich verlief, soll der 19-Tonner mehrmals wöchentlich zwischen Berlin, Magdeburg und Peine pendeln. Anders als bei herkömmlichen E-Lkw mit fest verbauten Akkus befinden sich am Prototyp zwei Batterien, die in weniger als einer Viertelstunde getauscht werden können. Das Konzept mit Wechselbatterien und drei Wechselstationen reduziert die Dauer der Zwischenstopps im Vergleich zu sonst notwendigen Ladepausen auf ein Minimum. „So überwinden wir eine der großen Schwächen herkömmlicher E-Nutzfahrzeuge: Mit dem Akkuwechsel sind Touren von bis zu 500 Kilometern möglich“, erläutert Bijan Abdolrahimi von der MC Management GmbH, einem Unternehmen der Meyer & Meyer-Gruppe, der das Projekt leitet.

Die weiteren Projektpartner sind das Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik, die TU Berlin (Bereich Logistik, Lehrstuhl „Agententechnologien in betrieblichen Anwendungen und der Telekommunikation“ und DAI-Labor) und der Schweriner Energieversorger WEMAG AG. Sie wollen im Zuge von „Route Charge“ zeigen, dass Batterietauschsysteme neue Dispositionsfreiheiten beim Einsatz von E-Lkw eröffnen. „Hersteller von Nutzfahrzeugen müssen bei der Elektrifizierung den Anfang machen, indem sie zuverlässige und günstige E-Lkw anbieten“, unterstreicht Rolf Meyer, einer der Teilhaber von Meyer & Meyer: „Wenn sie zusätzlich eine funktionierende Batteriewechselinfrastruktur aufbauen würden, würden Speditionen das Angebot sicherlich annehmen. Kleine und mittelständische Logistikdienstleister werden den Schritt zur Elektromobilität erst wagen, wenn sich Elektro-Lkw als wirtschaftliche und zuverlässige Alternative zum Diesel bewiesen haben. Im wettbewerbsintensiven Transportmarkt gibt es keinen Spielraum für Experimente!“

»In Metropolen stellt sich die Frage der Akzeptanz für Logistik noch dringlicher. Dort ist Elektromobilität in Zukunft unverzichtbar.«

Rolf Meyer, langjähriger geschäftsführender Gesellschafter und heutiger Aufsichtsrat der Meyer & Meyer Holding SE & Co. KG

»In Metropolen stellt sich die Frage der Akzeptanz für Logistik noch dringlicher. Dort ist Elektromobilität in Zukunft unverzichtbar.«

Rolf Meyer, langjähriger geschäftsführender Gesellschafter und heutiger Aufsichtsrat der Meyer & Meyer Holding SE & Co. KG

Für Rolf Meyer gehört es zum unternehmerischen Selbstverständnis, in Sachen Nachhaltigkeit zu den Vorreitern zu zählen: „Schon 2010 haben wir unser erstes E-Fahrzeug auf die Straße gebracht – und seitdem mit Blick auf Ladezeiten, Reichweiten, Ladeinfrastruktur und weitere Herausforderungen permanent dazugelernt.“ Meyer & Meyer ist Spezialist für Modelogistik in Europa. Mehr als 3,5 Millionen Sendungen transportiert das Unternehmen jedes Jahr. In Peine betreibt es das größte teilautomatisierte Logistikzentrum für Textilien in Norddeutschland und beliefert von dort täglich auch zahlreiche Kunden in Berlin. „In Metropolen stellt sich die Frage der Akzeptanz für Logistik noch dringlicher. Dort ist Elektromobilität in Zukunft unverzichtbar“, unterstreicht Rolf Meyer. „Mit dem Testlauf für den 19-Tonnen-Kofferauflieger haben wir zugegebenermaßen dabei gleich die schwierigste Kartoffel ausgesucht.“

Drei Wechselstationen

Auf der 250 Kilometer langen Pilotstrecke des „Route Charge“-Projekts werden drei neue Wechselstationen errichtet: eine im Zentrallager in Peine, eine weitere in Berlin-Westhafen und die dritte auf halber Strecke, in der Stadt Burg im Jerichower Land. Die beiden je 2.000 Kilo schweren Batterien werden mit einem Gabelstapler in weniger als 15 Minuten vom Laderegal zum Lkw befördert und sicher an dessen Flanken angebracht. Die Batteriewechselstationen sind zudem in ein virtuelles Kraftwerk integriert und dienen damit als Energiespeichersystem. Somit können sie zusätzlich Strom im öffentlichen Stromnetz bereitstellen, um es bei Bedarf zu stabilisieren. Betreiber dieses virtuellen Kraftwerks ist der Energieversorger WEMAG AG in Schwerin. Die Erwartungen an die Batteriereichweiten von bis zu 300 Kilometer haben sich in den ersten Praxiseinsätzen bereits voll erfüllt, auch die Technik erwies sich als robust und zuverlässig.

Auch der Elektro-Lkw wurde eigens konzipiert, um ein AC-, ein DC- sowie ein Laden mit Wechselbatterien gleichermaßen zu ermöglichen. Der sächsische Fahrzeughersteller Framo hat diesen Lkw mit allen Spezifikationen als Prototyp gebaut und den 19-Tonner samt Anhänger bei der Dekra zugelassen. Auf der Pilotstrecke rechnen die Entwickler bei etwa 500 Streckenkilometern mit einer jährlichen Einsparung von etwa 3,4 Tonnen CO2. Wenn der Elektro-Lkw im Verteilzentrum des Berliner Westhafens sein Ziel erreicht, erfolgt von dort aus die Belieferung an die Kunden. Auch dafür will Meyer & Meyer zukünftig Elektrofahrzeuge in der Citylogistik einsetzen.

24 Stunden im Betrieb

Der Mittelstrecken-Elektro-Lkw erhält hingegen in Berlin frische Batterien und tritt sogleich die Rückfahrt an. So ist ein 24/7-Betrieb gewährleistet, der für das Speditionsgeschäft dringend erforderlich ist. „Ein derart teures Pilotfahrzeug sollte im Idealfall 24 Stunden täglich betrieben werden. Als Folgeprojekt denken wir bereits darüber nach, ab dem Berliner Westhafen auch elektrische Transporte für andere Kunden anzubieten“, erklärt Rolf Meyer. Generell, davon ist der erfahrene Unternehmer überzeugt, macht der Umstieg auf elektrische Mobilität auch eine Neukonzeption der Geschäftsmodelle erforderlich. „E-Nutzfahrzeuge eröffnen neue Möglichkeiten, etwa auch für Citylogistik mit höherer Akzeptanz. Aus meiner Sicht ist es daher nicht zielführend, vorhandene Prozesse 1 zu 1 umzusetzen.“ Stattdessen sollten die Prozesse analysiert und kritisch hinterfragt werden, so Meyer: „Auf kluge Weise genutzt, führt elektrische Mobilität zu neuen, erfolgreichen logistischen Geschäftsmodellen.“

Zwei je 2.000 Kilogramm schwere Batterien versorgen den „Route Charge“-Prototyp mit Energie.

Dr. Clemens Haskamp, der als Geschäftsführer der MC Management GmbH das Projekt „Route Charge“ verantwortet, stimmt dieser Einschätzung zu: „Logistikunternehmen müssen ihre Geschäftsmodelle flexibel gestalten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Damit Elektro-Lkw tatsächlich im Wettbewerb gegenüber Diesel-Lkw bestehen können, müssen die Anschaffungskosten reduziert und die Einsatzradien und -zeiten verlängert werden.“ So wären beispielsweise bei Elektro-Lkw mit Wechselbatteriesystemen neuartige Leasingmodelle vorstellbar. Das vermeidet hohe Anfangskosten und gibt den Logistikunternehmen mehr Investitionssicherheit. Gerade mit Blick auf die Lebenszeit der fest eingebauten Batteriezellen sind darüber hinaus neue Vertragsregularien gefragt. Eine erste Idee: Der Betreiber der Wechselbatteriestation könnte den Speditionen die Fahrzeugbatterien flexibel bereitstellen und auf Basis von Kilometersätzen abrechnen.

Umweltfreundliche Alternativen

Derweil arbeitet Meyer & Meyer intensiv an weiteren umweltfreundlichen Transportlösungen. Für die Filialbelieferung eines großen Fashion-Kunden nutzt das Unternehmen ein auf Elektroantrieb umgerüstetes 12-Tonnen-Fahrzeug sowie zwei Lang-Lkw. Gegenüber konventionellen Fahrzeugen spart der Lang-Lkw auf der Strecke Hamburg–Osnabrück–Hamburg jährlich bis zu 4,6 Tonnen CO2 ein, auf der Linie Hamburg–Peine–Hamburg sind bis zu 3,4 Tonnen CO2 pro Jahr möglich. Der vom deutschen Hersteller Orten Electric-Trucks umgerüstete E-Lkw enthält spezielle Ausstattung für Textiltransporte und hat eine Reichweite von bis zu 300 Kilometern. „Das Fahrzeug ist jetzt seit mehr als einem Jahr im Einsatz und erfüllt die Anforderungen unserer Distributionsverkehre zu 100 Prozent“, erklärt Rolf Meyer. Der umgerüstete 12-Tonner verfügt über eine fest integrierte Batterie mit einer Ladedauer von neun bis zehn Stunden, die am Standort in Peine aufgeladen wird. Er ist in dieser Form einmalig in Deutschland.

Auch die Fahrer sind speziell für den Umgang mit dem Fahrzeug geschult. Darüber hinaus setzt der Fashion-Logistiker seit Herbst 2019 zwei Lang-Lkw des Typs 3 ein. Diese sind ideal geeignet, um hängende Textilien zu transportieren. Der Hintergrund: Kleidung benötigt viel Platz, ist aber leicht. Durch das höhere Transportvolumen in diesem Lkw-Typ kann das Unternehmen somit Fahrten einsparen und verbraucht dadurch weniger CO2. Rolf Meyer unterstreicht abschließend: „Für uns ist es selbstverständlich, uns mit Fragen der Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung zu beschäftigen. Unsere industrialisierte Welt steht vor grundlegenden Veränderungen – am besten, wir fangen direkt damit an!“

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