Mit kleinen Gesten Wertschätzung zeigen

Lesezeit: ca. 6 Minuten
Text: Juliane Gringer
Fotos: privat, Janina Gruppe, Shutterstock

Logistikerinnen und Logistiker brauchen nicht nur gute Arbeitsbedingungen und fairen Lohn. Sie wünschen sich vor allem auch mehr Wertschätzung. Hier verraten Akteurinnen und Akteure der Branche, wie sie diese mit kleinen Gesten zeigen – Gesten, die nichts oder fast nichts kosten, mit denen aber alle ganz viel gewinnen können.

Die Menschen, die in Transport und Logistik arbeiten, sind Heldinnen und Helden des Alltags: Sie sichern die Versorgung der Bevölkerung und halten die Wirtschaft am Laufen. Die Bedingungen, unter denen sie arbeiten, sind jedoch häufig nicht ideal: Vor allem die Lkw-Fahrerinnen und Lkw-fahrer stehen unter Druck, müssen besonders flexibel und schnell sein, werden an den Rampen nicht immer freundlich behandelt – und erhalten oft auch noch einen niedrigen Lohn. Diese Rahmenbedingungen müssen sich verbessern: Die Konditionen, unter denen Logistik passiert, müssen dem Wert der Leistungen, die dahinterstecken, angemessen sein. Doch neben einer fairen Bezahlung oder verlässlichen Arbeitszeiten ist vor allem auch Wertschätzung wichtig.

»Wenn etwas gut geklappt hat, sollte man das sagen.«

Joachim Fehrenkötter, Geschäftsführer der Fehrenkötter Transport & Logistik GmbH

Ein Strauß Blumen

„Wenn jemand bei uns länger als zwei Tage krank ist, bekommt er eine Karte und einen Blumenstrauß nach Hause geschickt“, berichtet Joachim Fehrenkötter, Geschäftsführer der Fehrenkötter Transport & Logistik GmbH. Der Unternehmer möchte damit zeigen, dass sein Team und er an diesen Menschen denken und dass dieser ein wichtiger Teil der Firma ist. Für Fehrenkötter kann es auch ein einfaches „Danke!“ sein, mit dem er Mitarbeitenden Wertschätzung zeigt: „Wenn etwas gut geklappt hat, sollte man das sagen. Wir alle sprechen ja häufig eher die Dinge an, die nicht so gut funktionieren. Dann muss man als Ausgleich aber auch loben können“, erklärt er. „Ich motiviere beispielsweise die Kolleginnen und Kollegen in unserer Disposition dazu, sich für eine Tour, die besonders gut gelaufen ist, bei dem Fahrer oder der Fahrerin zu bedanken.“ BGL-Botschafterin Christina Scheib bekräftigt, wie wichtig ein Lob sein kann: „Der Chef muss nicht jeden Tag vor mir auf die Knie fallen, aber ein simpler Satz wie ‚Das hast du gut gemacht!‘ oder ‚Schön, dass du da bist!‘ tut einfach gut und gibt einem das Gefühl, dass die eigenen Leistungen gesehen werden. So einem Unternehmen bleibt man dann auch länger treu.“

»Der Chef muss nicht jeden Tag vor mir auf die Knie fallen, aber ein simpler Satz wie ‚Das hast du gut gemacht!‘ oder ‚Schön, dass du da bist!‘ tut einfach gut.«

Christina Scheib, BGL-Botschafterin

Joachim Fehrenkötter fragt auch selbst Fahrer und Fahrerinnen, die auf dem Hof ankommen, wie es ihnen geht, wo sie herkommen und wohin sie unterwegs sind – und dankt ihnen für ihre Arbeit. „Das sind doch ganz einfache, kleine Zeichen von Menschlichkeit“, so der Unternehmer. Er habe schon mit gestandenen Kraftfahrern gesprochen, die seit 40 Jahren auf der Straße unterwegs sind und berichten: „Ich habe bisher nie erlebt, dass sich jemand um mich kümmert oder dass es überhaupt jemanden interessiert, was ich tue oder wie es mir geht.“ Fehrenkötter ist es deshalb umso wichtiger, seinen Mitarbeitenden Wertschätzung zu zeigen.

Einfach mal mitfahren

Der Unternehmer ist auch der Überzeugung, dass man am besten versteht, was man selbst erlebt hat: „Wer eine Woche auf dem Bock mitfährt, bekommt ein ganz anderes Verständnis von diesem Beruf – ich kann nur empfehlen, das mal zu machen. Ich habe es auch getan, und diese Erfahrung prägt meine Arbeit als Spediteur bis heute.“ Mit auf der Straße unterwegs zu sein, die Arbeit an der Rampe zu machen und all die Herausforderungen zwischen Staus, engen Straßen in der Stadt und Parkplatzmangel mit eigenen Augen zu sehen, öffnet den Blick für die Bedeutung des Jobs – und die Wertschätzung stellt sich von ganz alleine ein. Bei UPS ist es zum Beispiel üblich, dass alle Beschäftigten in der Weihnachtszeit die Fahrerinnen und Fahrer unterstützen und helfen, Pakete auszufahren – auch die Führungskräfte. Sie haben zudem in der Regel alle selbst mal Touren gefahren: Ein Praxiseinsatz im Lieferwagen gehört in dem Unternehmen zum guten Ton.

Positive Kommunikation

Auch im Privaten kann jeder etwas für die Wertschätzung der Logistik tun: „Im Freundeskreis kann man Interesse am Job zeigen und nachfragen, was er wirklich bedeutet, statt Logistikerinnen und Logistiker in eine Schublade voller Vorurteile zu stecken“, sagt Frauke Heistermann, Sprecherin von „Die Wirtschaftsmacher“. Diese Initiative drückt Wertschätzung für die Beschäftigten in der Logistik unter anderem aus, indem sie von Logistikhelden und -heldinnen berichtet: „Wir erzählen Geschichten von diesen Menschen und von dem Beitrag, den sie täglich zur Versorgung von Wirtschaft und Bevölkerung leisten. Das interessiert nicht nur die Öffentlichkeit, sondern macht auch die Logistikerinnen und Logistiker selbst stolz auf ihre Arbeit.“ Auch Social Media seien eine attraktive Möglichkeit, Anerkennung und Respekt auszudrücken: Statt beispielsweise bei Posts mit Bezug zu Fahrerinnen und Fahrern negative Kommentare zu schreiben, könne man bewusst wertschätzend kommentieren und damit unterstützen. Für Heistermann ist Wertschätzung „eine grundsätzliche Frage der Haltung, mit der ich auf Menschen zugehe – egal ob im persönlichen Kontakt oder in der Kommunikation über Social Media. Sie wird für mich immer wichtiger, auch deshalb, weil uns der Ausdruck des Respekts und der Anerkennung der Leistung anderer immer häufiger verloren geht.“

»Im Freundeskreis kann man Interesse am Job zeigen und nachfragen, was er wirklich bedeutet, statt Logistikerinnen und Logistiker in eine Schublade voller Vorurteile zu stecken.«

Frauke Heistermann, Sprecherin von „Die Wirtschaftsmacher“

Regeln an den Rampen

Wenn die Arbeit an der Rampe reibungslos verläuft, profitieren davon alle: Verlader, Empfänger und Transportunternehmen. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag hat „9 Goldene Rampenregeln“ aufgestellt, mit denen es ganz leicht geht: Der Verein schlägt unter anderem vor, dass an den Laderampen ausreichend Kapazitäten vorgehalten werden – in Bezug auf Rampenzone, Lager, Personal und Ladehilfsmittel – und dass für die wartenden Fahrerinnen und Fahrer genug Parkplätze verfügbar sein sollten, auch mit der Möglichkeit, die Ruhezeiten vor Ort zu verbringen. Technische Hilfsmittel wie Funkmeldeempfänger, über die die Fahrzeuge abgerufen werden, können unnötige Wege vermeiden.

Außerdem helfen ein guter Informationsfluss, Pünktlichkeit und klare Zuständigkeiten beim Be- und Entladen. Gerade die Zuständigkeiten sind oft nicht geklärt. „An vielen Stellen sollen die Fahrer und Fahrerinnen die Folien von den Paletten entfernen oder müssen es tun, weil schlicht niemand vor Ort ist, der das übernimmt“, weiß auch Prof. Dr. Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) e.V. Auch er appelliert an die Branche ebenso wie an die Bevölkerung, Transport und Logistik mehr Respekt zu zollen: „Die angemessene Wertschätzung der herausfordernden und unverzichtbaren Arbeit, die unsere Lkw-Fahrerinnen und Lkw-Fahrer tagtäglich für Bevölkerung und Wirtschaft leisten, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – die aber gerne verdrängt wird, solange die Supermarktregale voll sind. Das sollte sich dringend ändern.“

»Die angemessene Wertschätzung der herausfordernden und unverzichtbaren Arbeit, die unsere Lkw-Fahrerinnen und Lkw-Fahrer tagtäglich für Bevölkerung und Wirtschaft leisten, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.«

Prof. Dr. Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) e.V.

Fragen, was hilft

Kerstin Fuhrmann, Expertin für beruflichen Wandel und Podcast-Host von „Gefühlt erfolgreich“, empfiehlt, ein offenes Ohr für die Bedürfnisse von Mitarbeitenden zu haben, aber dann auch Taten folgen zu lassen: „Man sollte fragen, wie es den Kolleginnen und Kollegen geht, und auf die Antwort auch wirklich eingehen. Ein gut vorbereitetes Mitarbeitergespräch, in dem Raum und Zeit für Austausch auf Augenhöhe bleibt, kann nachhaltig Wertschätzung zeigen.“ Zudem kann man gezielt Ideen für einen besseren Arbeitsalltag erkunden: „Vielleicht machen ein Obstkorb oder ein Tischkicker meine Teams nicht glücklicher, sondern etwas anderes – um das herauszufinden, sollte ich sie direkt danach fragen, was sie sich wünschen. Bei Fahrerinnen und Fahrern könnte das zum Beispiel ab und zu ein Gutschein für ein gutes Essen unterwegs sein.“ Wer ein Budget vorgibt, macht den finanziellen Rahmen dafür klar. Den Inhalt mitgestalten zu können, gibt den Angestellten auch das Gefühl, das sie wichtig sind und ihre Meinung gehört wird. Laut Kerstin Fuhrmann kann es zudem sehr motivierend sein, Ziele zu setzen – für die oder den Einzelnen oder das gesamte Team: „Und dann sollte man sich auch die Zeit nehmen, zu feiern, wenn sie erreicht werden.“

»Man sollte fragen, wie es den Kolleginnen und Kollegen geht, und auf die Antwort auch wirklich eingehen.«

Kerstin Fuhrmann, Expertin für beruflichen Wandel und Podcast-Host von „Gefühlt erfolgreich“

Praktische Hilfe für Vereinbarkeit

Eltern hilft oft ganz praktische Unterstützung, um Beruf und Familie gut zu vereinbaren. BPW bietet deshalb unter anderem nicht nur Sportkurse für Kinder und Jugendliche an, sondern auch einen kostenlosen Fahrservice dazu: Der Nachwuchs wird bei Bedarf von der Schule abgeholt und zum Training gebracht. In Kooperation mit regionalen Vereinen sind Eishockey, Handball und Schwimmen im Angebot. Nach dem Sport holen die Eltern ihre Kinder dann selbst ab – sie gewinnen durch den Service mehr Zeit und können entspannter arbeiten. Mit dem KidsTreff bietet BPW zudem eine Notfallbetreuung an – wenn die Tagesbetreuung ausfällt, der Kindergarten geschlossen hat oder Eltern ins Krankenhaus müssen, sorgt das Unternehmen in Kooperation mit einem Familienzentrum für kurzfristige Hilfe.

»Ich möchte wirklich jedem und jeder Einzelnen zeigen, dass sie wichtig für uns sind.«

Georg Ebeling, Inhaber der Spedition Georg Ebeling

Persönliche Ansprache

Die Spedition Georg Ebeling in Wedemark bei Hannover hat 450 Beschäftigte aus 30 Nationen. Inhaber Georg Ebeling hat irgendwann beschlossen, alle in ihrer Muttersprache zu begrüßen. Von „buen día“ über „dobrý deň“ bis „İyi günler“ ist dann alles dabei, wenn er durch sein Unternehmen geht. Und er weiß nicht nur bei allen im Team, woher sie stammen, sondern erinnert sich an persönliche Details: „Wie geht es den Kindern?“ oder „Ist dein Bein wieder gesund?“ sind Fragen, die er aus aufrichtigem Interesse stellt. „Wir sind ein Familienbetrieb, und das zeichnet so ein Unternehmen für mich aus“, erklärt er. „Ich möchte wirklich jedem und jeder Einzelnen zeigen, dass sie wichtig für uns sind.“
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