Logistik-Junioren: „Anpacken statt abwarten“

Lesezeit ca. 4 Minuten
Text: Joachim Geiger
Fotos: Silvia Steinbach

Mit Rock ’n’ Roll haben die ELVIS-Junioren eher wenig am Hut – mit Digitalisierung dafür umso mehr: Am liebsten würden die Nachwuchslogistiker des europäischen Ladungsverbunds schon heute die Zukunft der digitalen Prozesse gestalten. Aber welche Tools braucht man, um ein Unternehmen auf die Spur zu bringen? Tipps haben sich die Junioren bei einem Workshop in der Ideenwerkstatt von BPW geholt.

Ein kurzer Fehlgriff – und schon fällt der Konferenzstuhl polternd zu Boden. Die jungen Leute, acht Frauen und drei Männer, blicken leicht irritiert in die Runde. In ihren Gesichtern spiegelt sich die Frage, wohin um Himmels willen dieses merkwürdige Experiment wohl führt. Es ist der zweite Samstag im August, die Uhr zeigt gerade neun. Willkommen in der Ideenwerkstatt von BPW in Wiehl!

In dieser freundlichen und mit allerlei elektronischem Equipment ausgestatteten Location treffen sich normalerweise Mitarbeiter aus den verschiedenen Arbeitsbereichen zum ungestörten Gedankenaustausch. Schon manches Team ist hier mit einer Idee hereingekommen und mit einem Projekt wieder hinausgegangen. Für heute aber haben sich die Junioren der ELVIS AG, des Europäischen Ladungs-Verbunds Internationaler Spediteure, zum Workshop „Digitalisierung in der Logistik“ angekündigt. Das Programm verspricht jede Menge Zündstoff – schließlich brennt die Digitalisierung der Transport- und Speditionsbranche mächtig auf den Nägeln.

Kaderschmiede für zukünftige Topmanager

Auch die ELVIS AG ist in diesem Umfeld aktiv. Die 2006 gegründete Kooperation für mittelständische Frachtführer und Ladungsspediteure hat ihren Hauptsitz im unterfränkischen Alzenau. Die Junioren sind die Nachwuchsführungskräfte der ELVIS Partnerunternehmen, gewissermaßen die Kaderschmiede für Manager, die in Zukunft auch die Fäden einer digitalen Logistik in den Händen halten sollen. Das Zeug dazu haben sie jedenfalls. Die Junioren – fast alle noch keine 30 Jahre alt – sind ambitionierte Logistiker oder stehen im Begriff, eine Karriere in der Logistik in Angriff zu nehmen. Die meisten haben ein Studium der Betriebswirtschaft mit Bachelor- oder Master-Abschluss in der Tasche, einige sind Kaufleute in den Sparten Spedition und Einzelhandel. In ihren Betrieben sind die Nachwuchskräfte im Vertrieb oder im Marketing, im Fuhrpark oder im Versicherungswesen tätig.

Gute Perspektiven: Die ELVIS-Junioren sind ambitionierte Nachwuchskräfte, die in ihren Betrieben künftig die Fäden des Managements in die Hand nehmen könnten.

Wohin geht die digitale Reise?

Zwei- bis dreimal im Jahr veranstaltet ELVIS ein Netzwerktreffen für die Junioren. Dabei geht es auch um Weiterbildung in Sachen Logistik und um die Diskussion zukünftiger Führungsthemen. „Die Junioren interessieren sich brennend für Methoden und Tools, mit denen sich mittelständische Logistiker besser auf die digitale Spur bringen lassen“, erklärt Denise Boike. Sie arbeitet im Zentraleinkauf von ELVIS und kümmert sich außerdem darum, die Aktivitäten der ELVIS-Junioren zu organisieren. Hoch im Kurs stehen bei den jungen Logistikern Firmen- und Werksbesichtigungen. Der Workshop in Wiehl ist eines der Highlights dieses Jahr. „ELVIS kooperiert im Einkauf seit eineinhalb Jahren mit BPW. Da sich das Unternehmen zu einem der Innovationsführer in der Transport und Logistikbranche entwickelt hat, ist es spannend, die digitalen Konzepte hinter diesem Wandel genauer kennenzulernen“, beschreibt Denise Boike die Marschrichtung für die Veranstaltung. Logisch also, dass die Ideenwerkstatt genau der richtige Ort ist, um den digitalen Machern von BPW auf den Zahn zu fühlen.

Perfekte Location: Die moderne Ideenwerkstatt von BPW bietet genau das richtige Ambiente für den Workshop mit den ELVIS-Junioren.

Neue Sichtweisen auf Logistikprobleme

Im Moment allerdings tüfteln die Junioren noch an einer Lösung für ihr Stuhlproblem. Gespannt verfolgt Alexander Lutze vom BPW Innovation Lab das Treiben seiner Gäste. Die Aufgabe, die er zum Auftakt des Workshops gestellt hat, klingt gar nicht besonders schwierig: Die Junioren sollen sich im Kreis aufstellen und dabei jeder einen Stuhl mit den Fingern an der Rückenlehne auf den vorderen zwei Beinen balancieren. Anschließend sollen sie sich im Uhrzeigersinn an den Stühlen vorbei bewegen und den kompletten Kreis umrunden, bis jeder wieder an seinem ursprünglichen Platz steht. Zwischen dem Loslassen der einen und dem Greifen der nächsten Lehne liegt dabei stets ein kurzer Moment, in dem der Stuhl keine „Führung“ hat. Als sich die Gruppe ans Werk macht, wird das Problem schnell sichtbar: Die einen bewegen sich zu schnell, die anderen zu langsam. Die Folge ist ein großes Gepolter, einmal, zweimal kippt ein Sitzmöbel um. „Ich zähle bis drei, dann machen wir alle gleichzeitig einen Schritt nach rechts“, schlägt Denise Boike ihren Mitstreitern vor. Gesagt, getan – dieses Mal bleiben die Stühle in der Balance. Mit jedem weiteren Kommando wird die Rotation flüssiger.

Fröhliches Stühlerücken: Zum Auftakt des Workshops gibt es eine Übung in Sachen Zusammenarbeit, Abstimmung und Koordination.

Besser gemeinsam als allein

Den Logistikern ist längst klar, dass es bei dem Stühlerücken um Organisation, Zusammenarbeit und Koordination geht. Aber lässt sich daraus eine Vorlage für neue digitale Prozesse im Unternehmen gewinnen? „Ein Erfolgsfaktor für Digitalisierung ist das Partnering. Mit dem richtigen Partner lassen sich Digitalisierungsprojekte stemmen, die ein Unternehmen alleine nicht realisieren könnte“, erläutert Alexander Lutze. Eine weitere Stellschraube ist aus seiner Sicht die Motivation zur Einführung neuer Prozesse. Hier sollten stets die Interessen der Kunden im Mittelpunkt stehen. Lutze weiß auch, dass aller digitaler Anfang schwer ist. „Wenn ein Unternehmen in die Digitalisierung einsteigt, ist gerade in der ersten Phase das Potenzial für Enttäuschungen hoch. Digitale Technologien liefern ihre Ergebnisse nicht von heute auf morgen. Hier braucht es dann einfach Geduld.“

Konsens in der Runde: Mittelständische Logistiker brauchen eine Digitalstrategie für das ganze Unternehmen.

Der Dreiklang der Digitalisierung lautet „Struktur, Transparenz und Veränderung“

Die Junioren nicken zustimmend. Mittlerweile hängen Dutzende bunte Zettel mit Stichworten an den beiden Tafeln: „Blockade Digitalisierung durchbrechen“ oder „Mitarbeiter für neue Strukturen ins Boot holen“ ist darauf zu lesen. Fasst man die Notizen zusammen, definieren die ELVIS-Junioren drei Meilensteine zur Digitalisierung in einem Unternehmen. Erstens braucht man funktionierende Strukturen, auf denen digitale Prozesse aufbauen können. Zweitens müssen digitale Macher eine hohe Transparenz an den Tag legen, wenn sie mit ihren Projekten um Zustimmung werben. Drittens stellt sich die Aufgabe, Mitarbeiter und Kollegen immer wieder aufs Neue für die Reise in die digitale Zukunft zu motivieren.

„Digitalisierung bedeutet Veränderung. Dazu braucht man Veränderungsbereitschaft im Unternehmen“, sagt Pia Bless, die bei der niedersächsischen L.I.T. Gruppe ein duales Studium für Logistik- und Prozessmanagement absolviert hat. Der 23-Jährigen geht es darum, die Einstellung gegenüber digitalen Prozessen durch den richtigen Umgang mit den Mitarbeitern zu fördern. Hier muss natürlich jedes Unternehmen seinen eigenen Weg finden. Aber vielleicht schreibt sich ja ELVIS demnächst die gemeinsame Integration digitaler Prozesse auf die Fahne? Am Ende des Workshops ist sich die Runde jedenfalls einig: Nichts tun ist keine gute Lösung. Das sieht auch Alexander Lutze so: „Digitalisierung ist euer Thema. Das Feld ist bestellt, jetzt liegt es an euch.“

ELVIS AG

ELVIS steht für „Europäischer Ladungs-Verbund Internationaler Spediteure“. Teilnehmer der 2006 gegründeten ELVIS AG mit Hauptsitz im unterfränkischen Alzenau sind mittelständische Frachtführer und Ladungsspediteure. Zusammen bilden sie ein internationales Netzwerk mit über 200 Partnern an 280 Standorten in Deutschland und in über 30 europäischen Ländern. Das Credo von ELVIS: Die Herausforderungen der Zukunft lassen sich gemeinsam besser bewältigen als alleine.

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