„Ich würde die Großstädte komplett dichtmachen“

Lesezeit ca. 4 Minuten
Text: Juliane Gringer
Fotos: hvv, Shuttertstock

Anna-Theresa Korbutt, Geschäftsführerin des Hamburger Verkehrsverbundes (hvv), fordert eine Konzessionsvergabe für die City-Logistik. Was beim ÖPNV funktioniert, sei eine Rettungsoption für die überlasteten Metropolen.

Sie wurden auf dem Wiehler Forum von BPW zitiert mit den Worten „Ich würde die Großstädte komplett dichtmachen“. Wie soll das funktionieren?

Alles, was wirtschaftliches Denken fördert, funktioniert immer dann nicht gut, wenn das Verhältnis zwischen Raum und Zeit knapp ist. Das sehen wir zurzeit auch im Logistikmarkt, denn unheimlich viele Speditionen und KEP-Dienstleister bringen Ware in die Stadt. Das ist auch gut so: Ich meine nicht, dass die komplette Logistik raus muss aus der Stadt, sondern ich spreche von Kleinstmengen – Pakete oder Paletten im B2C-Bereich. Volle Lkw, die fünf oder sechs Paletten-Stopps machen, sollen weiter in die City dürfen, denn das ist schon konsolidiert. Aber es ist nicht in Ordnung, wenn ein Lkw 18, 19 Stopps durchtingelt und jedes Mal nur eine halbe Palette rausgibt.

Welche Lösung sehen Sie?

Es klingt vielleicht extrem, aber wir werden diese Menge an Nutzfahrzeugen nicht ohne ein monopolistisches Vergabeverfahren aus der Stadt herausbekommen. Es gibt zu viel Konkurrenz auf zu engem Raum, also muss man Konzessionen vergeben. Denn der urbane Raum lässt sich eben nicht vergrößern. Zu Konzessionsvergaben kommt es immer dann, wenn der Staat nachhelfen muss, weil sonst der Wettbewerb zerstörerisch wirkt. Diese Situation haben wir bereits.

»Es klingt vielleicht extrem, aber wir werden diese Menge an Nutzfahrzeugen nicht ohne ein monopolistisches Vergabeverfahren aus der Stadt herausbekommen.«

Anna-Theresa Korbutt, Geschäftsführerin des Hamburger Verkehrsverbundes (hvv)

Aber es gibt viele innovative Ansätze, um den urbanen Verkehr effizienter zu organisieren. Was halten Sie von Hubs und Co.?

Ich habe bei all den guten Ideen und den Forschungsprojekten, die laufen, nicht einmal gesehen, dass dabei die Zahl der Lkw gesunken wäre. Wie viele Hubs sollen in einer Stadt stehen, wo sollen die alle Platz finden?

Die Versorgung der Bevölkerung muss dennoch gewährleistet sein. Als Vertreterin des ÖPNV können Sie ja auch dafür sorgen, dass der private, individuelle Verkehr schrumpft – und viel mehr Menschen Bus und Bahn fahren?

Ich glaube nicht, dass das vergleichbar ist, weil es unterschiedliche Use Cases und auch unterschiedliche Mobilitätsanforderungen gibt. Auch hier gilt, dass eine Symbiose geschaffen werden muss, zum Beispiel indem man Auto und ÖPNV kombiniert. Das Auto wird immer ein Teil individueller Mobilität sein, wir bieten im hvv in Hamburg etwa die Kombination mit Carsharing an. Ersetzen können wird man das Auto hier nicht, vor allem weil der ÖPNV liniengebunden ist: Nicht jeder Stadtteil und jede Straße ist gleich gut angebunden. Das ist in der Logistik anders. Die Speditionen disponieren jeden Tag neu, wie und wohin sie fahren – je nachdem, wo die Menge abgerufen wird.

Sie vertreten als Geschäftsführerin des hvv den Personennahverkehr. Aus dieser Position fällt es leicht, auf den Güterverkehr zu schimpfen, oder?

Ich kenne die unterschiedlichen Perspektiven: Ich war in einer Spedition, davor zwei, drei Jahre im Güterverkehr, jetzt mache ich wieder Personenverkehr. Und wenn ich nun als ÖPNV-Geschäftsführerin sage, ich würde gerne was zum Thema Logistik machen, schauen mich alle an, als hätte ich meine Jobbeschreibung nicht gelesen. Aber die beiden Systeme sind sich unheimlich ähnlich: Beide haben das Ziel, den Individualverkehr – und dazu gehören auch individuelle Lkw – aus der City zu bekommen, damit die Stadt vor dem Hintergrund des Bevölkerungswachstums stärker agieren kann. Es sind zwei verschiedene Geschäftsmodelle: die Vergabe versus „Ich mache, was ich will“. Jetzt muss man sich überlegen, ob Letzteres in einer überfüllten Stadt funktionieren kann.

»Ich habe bei all den guten Ideen und den Forschungsprojekten, die laufen, nicht einmal gesehen, dass dabei die Zahl der Lkw gesunken wäre. Wie viele Hubs sollen in einer Stadt stehen, wo sollen die alle Platz finden?«

Anna-Theresa Korbutt, Geschäftsführerin des Hamburger Verkehrsverbundes (hvv)

Was erwarten Sie von den Spediteurinnen und Spediteuren?
Die können selbst gar nicht viel tun. Die stehen im Wettbewerb miteinander, und das ist gut so. Die Frage ist: Wer hat das Problem? Die Stadt und genauso die Speditionen, weil Kleinstmengen in der Zustellung teuer sind. Die haben also auch ein Interesse daran, aus dem System herauszukommen. Meiner Ansicht nach müssten die Städte die Initiative ergreifen – so wie wir das täglich für den ÖPNV tun. Sie können sich kaum vorstellen, in wie vielen Gremien ich sitze, wir domptieren im hvv derzeit 25 Verkehrsunternehmen: Da ist alles minutiös geplant. Was fehlt, ist die Konzeption einer Logistikplanung: Wie und wo müssten die Hubs aufgestellt werden, wie kommt die Ware dorthin, und welcher Spediteur muss was übernehmen? Ich nehme denen ja nicht alles ab – nur die Kleinstsendungen. Ist das dann sinnvoll und wirtschaftlich? Dazu gibt es zurzeit kein Modell. Die Scheu davor, in diese Richtung zu denken, ist aber groß, weil man de facto jemandem Rechte entziehen würde, der es bisher gewohnt war, diese zu haben. Das ist die Hürde. An diesem Punkt werde ich meistens zuerst gefragt, wie man die Einhaltung überwachen will. Und denke: Fangt doch erst mal an, über ein Konzept nachzudenken, bevor ihr gleich über Sanktionierung sprecht!

»Fangt doch erst mal an, über ein Konzept nachzudenken, bevor ihr gleich über Sanktionierung sprecht!«

Anna-Theresa Korbutt, Geschäftsführerin des Hamburger Verkehrsverbundes (hvv)

Muss erst der Infarkt in den Städten den Verkehr zum Erliegen bringen und damit neue Lösungen provozieren – oder ist die Zeit offen für neue Ansätze?
Ich finde, die Stimmung dafür ist derzeit extrem gut. Das merkt man allein schon daran, dass mich nach meiner Aussage zum Dichtmachen der Großstädte viele Leute kontaktiert haben, die diesen Gedanken sehr interessant finden. Bei Interesse bleibt es nur leider meistens auch. Wenn ich nachbohre und nach Verantwortlichkeiten frage, wird meine Idee schnell als spinnert abgetan.
Aber was sagen Sie den Spediteurinnen und Spediteuren, die bei so einer Idee um Aufträge fürchten?

Für mich ist es der einzige Weg, die Städte zu „retten“. Und die Speditionen verlieren nichts, es geht ja nur um den Transport auf der letzten Meile. Da muss geklärt werden, wer den übernimmt, das kann ja beispielsweise alle drei Jahre neu vergeben werden. Der Druck in den Städten wird auf jeden Fall noch größer werden, und dann kann man hoffen, dass sich ein Konglomerat von Leuten findet, die in neuen Konzepten denken. Ich sage nicht, dass die Konzessionsvergabe die einzig mögliche Lösung ist, aber es ist eine, über die man wirklich gewissenhaft nachdenken sollte.

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