Ersetzt künstliche Intelligenz den Disponenten?

Lesezeit ca. 4 Minuten
Text: Juliane Gringer
Fotos: Dierk Kruse

PODCAST

Ein ausführliches Interview mit Rolf-Dieter Lafrenz, CEO der Cargonexx GmbH, hören Sie im motionist-Podcast.

Indem selbstlernende Algorithmen Echtzeit-Tracking ermöglichen, können sie Transport und Logistik radikal verändern. Das ist keine Theorie mehr, sondern gelebte Realität für Unternehmer der Branche: Die Online-Spedition Cargonexx hat ihr Geschäftsmodell auf künstlicher Intelligenz aufgebaut, und Spediteur Hubertus Kobernuß vernetzt sich mit dem Start-up Evertracker. Warum ist es wichtig, jetzt aktiv zu werden?

Künstliche Intelligenz sei eine der wichtigsten Entwicklungen, an denen die Menschheit derzeit arbeite, sagte Sundar Pichai, CEO von Google, Anfang 2018 in einem Interview mit NBC – sie sei sogar „wichtiger als Elektrizität oder Feuer“. Starke Worte. Rolf-Dieter Lafrenz, Gründer der Online-Spedition Cargonexx, hält die Aussage jedoch für durchaus realistisch: „Wir verfallen gerade in Deutschland immer wieder in das Muster, dass wir Dinge nicht für möglich halten oder nicht glauben, dass sie eintreten werden. Wir unterschätzen, was in wenigen Jahren alles möglich ist.“ Die Technologie, deren Ursprünge in den 1950er-Jahren liegen, entwickelt sich rasend schnell, und da Speicher und Rechenkapazitäten immer günstiger werden, vervielfältigen sich die Anwendungsmöglichkeiten.

Eine kurze Geschichte der KI

Künstliche Intelligenz (KI) könnte vor allem die Disposition revolutionieren – dort finden sich typische Muster, die KI in Daten aufspüren kann. Denn genau dafür steht die Technologie: für mathematische Algorithmen, die aus großen Datenmengen Strukturen und wiederkehrende Muster herauslesen. Heute nutzen Disponenten noch menschliches Erfahrungswissen, um Preise zu kalkulieren: „Für solche Standardtätigkeiten wird sich künstliche Intelligenz durchsetzen, weil sie da einfach schneller und besser arbeiten kann als der Mensch“, ist Rolf-Dieter Lafrenz überzeugt. „Dagegen werden selbstlernende Algorithmen überall dorthin nicht vordringen, wo man noch weitere Entscheidungen treffen oder Kontakte zu Partnern haben und mit diesen kommunizieren muss.“

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der deutschen Unternehmen in Transport und Logistik arbeiten bereits mit KI-Anwendungen

Stand: Juli 2017
Quelle: Sopra Steria

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der Unternehmen in Deutschland planen, künftig künstlich-intelligente Technik in der Logistik oder im Transport einzusetzen.

Stand: Juli 2017
Quelle: Sopra Steria

Automatisierte Tourenkombinationen

Cargonexx übernimmt die Aufträge seiner Kunden als verantwortlicher Spediteur. „Wir bauen Algorithmen und versuchen – vereinfacht gesagt – die Planungsfunktion des Disponenten zu automatisieren“, so Lafrenz. Ein Disponent kann 15 bis 25 Lkw disponieren; um ein Netzwerk von mehreren Hundert oder sogar Tausend Lkw zu organisieren, braucht man entsprechend viele Mitarbeiter. „Man schafft also nie ein Gesamt-Optimum. Deshalb setzen wir unter anderem selbstlernende Algorithmen, neuronale Netze und simple Korrelationsmodelle ein, um aus der Vielzahl an Aufträgen, die wir bekommen, automatisiert Tourenkombinationen zu bilden. Damit schaffen wir mehr Effizienz.“ Lafrenz will die Transaktionskosten senken. Und bei Lkw, die Cargonexx exklusiv nutzt, sank die Zahl der Leerkilometer um rund 50 Prozent. „Wir haben in den vergangenen zwölf Monaten viele neue Kunden gewonnen“, erklärt Lafrenz. „In der Regel sind das große Unternehmen, die im Bereich Konsumgüter und Handel tätig sind, aber auch viele ambitionierte Mittelständler. Die meisten testen uns erst einmal mit ein paar Touren und fahren das Volumen dann kontinuierlich hoch. Sie geben uns sehr positives Feedback.“

Menschen „am Rand ihrer geistigen Möglichkeiten“

Ein Beispiel dafür, wie sich ein klassischer Spediteur mit KI-Kompetenz vernetzen kann, liefert Hubertus Kobernuß, Inhaber der Spedition J. Kobernuss in Uelzen. Er wandte sich mit dem Wunsch, die Disponierung zumindest teilweise zu digitalisieren, an das Start-up Evertracker: Das Softwareunternehmen hat eine KI speziell für den Logistikmarkt entwickelt, die mit Echtzeitinformationen Bewegungs- und Prozessmuster lernt. So lassen sich Wirkungsverluste in Logistiknetzen und Lieferketten erkennen und vorausschauend analysieren. Hubertus Kobernuß ist überzeugt, dass die Logistik in Deutschland „auf komplett neue Füße“ gestellt werden muss, um in Zukunft ihre Stärke zu bewahren. „Die Aufgaben, die uns in der Logistik gestellt werden, sind so komplex, dass wir Menschen gar nicht mehr in der Lage sind, alles zu verarbeiten. Die immense Menge an Informationen, die tagtäglich auf uns einprasselt, lässt einfach keine vernünftige Fahrzeugplanung mehr zu. Das ist reine Ressourcenverschwendung und treibt den Menschen an den Rand seiner geistigen Möglichkeiten.“ Er ging deshalb auf Evertracker zu mit der Frage, ob sich Straßentransport als Teil der gesamten Supply Chain nicht intelligenter gestalten ließe.

»Die Aufgaben, die uns in der Logistik gestellt werden, sind so komplex, dass wir Menschen gar nicht mehr in der Lage sind, alles zu verarbeiten.«

Hubertus Kobernuß, Inhaber der Spedition J. Kobernuss

»Die Aufgaben, die uns in der Logistik gestellt werden, sind so komplex, dass wir Menschen gar nicht mehr in der Lage sind, alles zu verarbeiten.«

Hubertus Kobernuß, Inhaber der Spedition J. Kobernuss

Zeitfenster intelligent managen

Evertracker nimmt eine ungewöhnliche Perspektive ein: „Wir betrachten den Transportprozess vom Empfänger aus und können durch unsere Berechnungen bestimmen, wann etwas bestellt werden muss, damit es zur gewünschten Zeit ankommt“, erklärt CEO Marc Schmitt. In der Logistik gebe es sehr viele Einflussfaktoren, die auch für eine künstliche Intelligenz schwer zu berechnen seien: „Da sind Fahrer, Lkw, Kunde und der Kunde des Kunden beteiligt. Und die künstliche Intelligenz kann nicht sagen, warum das Fahrzeug stehen bleibt – hatte der Fahrer einen Unfall oder macht er nur kurz eine Pause? Wir schauen uns immer wiederkehrende, eindeutige Prozessmuster an. Auf dieser Basis errechnen wir Standardlaufzeiten, um ein intelligentes Zeitfenstermanagement zu ermöglichen. Denn wenn wir Standardlaufzeiten haben, mit denen wir Prozesswege abbilden, lernt unser System, welcher Prozess zu einem möglichst positiven Ergebnis führt. Unter anderem sind wir deswegen in der Lage, Vorhersagen zu treffen. Interessanterweise sind aufgrund dieses Systems Einflüsse wie Wetter oder Verkehr nebensächlich.“ Die Grundlage für die Berechnungen bilden Daten aus verschiedenen Quellen wie etwa IoT-Sensoren, Bluetooth-Geräten, RFID-Tags, Daten aus SAP-Systemen und Telematik-Systemen der Lkw, Scans oder Zeitstempel.

Ausgewählte Unternehmer, darunter Hubertus Kobernuß, Inhaber der Spedition J. Kobernuss, und Rolf-Dieter Lafrenz, CEO von Cargonexx, präsentierten auf dem „KI-Day 2019“ der DVZ Deutsche Verkehrs-Zeitung in Berlin ihre Entwicklungen und Geschäftsmodelle.

Kompletter Wandel innerhalb eines Jahrzehnts

Bevor er Cargonexx gründete, war Rolf-Dieter Lafrenz lange Zeit in der Medienbranche tätig. „Dort habe ich gelernt, dass sich innerhalb eines Jahrzehnts ein Großteil des Geschäftsmodells komplett wandeln kann und völlig neue Marktteilnehmer auftreten können: So sind die größten Werbetreibenden in Deutschland heute nicht mehr die großen Fernsehsender, sondern Google und Facebook.“ Lafrenz erinnert sich, dass vor zehn Jahren in der Medienbranche viele Statements zu hören waren, die er heute auf Logistikkongressen höre, etwa „Wir glauben nicht, dass sich Prozesse automatisieren lassen, weil sie dafür zu komplex sind“ oder „Die Menschen werden die neuen Technologien nicht annehmen“. Die Organisation von Lkw-Verkehren heute vergleicht er mit der Bearbeitung von Anzeigenseiten in Zeitungen damals: „Es gab Jahresverträge, feste Rahmenvereinbarungen, individuelle Abrufbestellungen und Disponenten, manuelle Abrechnung und Belegflüsse. Wenn man ein bisschen abstrahiert, kann man das vom Grundprinzip her sehr gut vergleichen.“

»Für die Standardtätigkeiten eines Disponenten wird sich künstliche Intelligenz durchsetzen, weil sie da einfach schneller und besser arbeiten kann als der Mensch.«

Rolf-Dieter Lafrenz, CEO, Cargonexx

»Für die Standardtätigkeiten eines Disponenten wird sich künstliche Intelligenz durchsetzen, weil sie da einfach schneller und besser arbeiten kann als der Mensch.«

Rolf-Dieter Lafrenz, CEO, Cargonexx

Keine Trennung zwischen Produktion und Transport

Heute sei es so: „Wenn Sie eine Website aufmachen, wird in diesem Moment Ihr Profil automatisch versteigert: Über Cookies und weitere Informationen weiß der Betreiber der Website Dinge über sie, die den Preis bestimmen.“ Moderne Kampagnen produzieren zum Beispiel Videoclips inzwischen in bis zu 15 Varianten. Es wird getestet, wie diese Varianten wirken, und beim nächsten Mal läuft der beschriebene Prozess in Echtzeit und optimiert ab. „So funktioniert das System“, so Lafrenz. „Es betrifft nicht den gesamten Markt, aber es betrifft rund 30 Prozent. Ich glaube, im Transportbereich wird etwas Ähnliches passieren.“

Sein Zukunftsszenario sieht so aus: Aufseiten der Verlader gibt es bald keine Trennung mehr zwischen Produktion und Transport, Transportaufträge werden direkt aus der Produktion generiert. In dem Moment, in dem klar wird, dass der Transport stattfinden wird, startet über Schnittstellen zu den Transportdienstleistern eine automatische Versteigerung: Der Transport wird auf einer Plattform angeboten, und die Dienstleister können automatisiert in Echtzeit verbindliche Preisangebote darauf abgeben. In Zukunft werden sich also große digitale Transportnetze direkt in die Produktions- und Logistiksysteme der Verlader und Spediteure einklinken; Transporte werden nicht mehr in jährlichen Tendern ausgeschrieben, sondern in dem Moment, in dem der Auftrag entsteht. Wenn die digitalen Anbieter innerhalb von Millisekunden Preise abgeben, wird eine automatische Auftragsvergabe möglich – und die Transporte werden dann auch automatisiert abgewickelt, zum Beispiel in Bezug auf Tracking und Ladepapiere. Die Netze werden so groß sein, dass Kunden sicher den passenden Lkw mit entsprechendem Laderaum und dem nötigen Equipment finden. „Ich glaube, dieses Szenario werden wir mittelfristig in Europa sehen“, sagt Rolf-Dieter Lafrenz. „Wenn Sie jetzt sagen, das glauben Sie nicht, dann kann ich nur sagen, dass die Medienbranche auch nicht an die radikalen Veränderungen geglaubt hat, die sie dann erlebt hat. Der Wandel kommt am Anfang immer etwas langsam in Gang. Dann setzt er sich aber häufig stärker und schneller durch, als man jemals geglaubt hätte.“

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