Digitalisierung im Unternehmen: Wo stehen Sie?

Lesezeit ca. 6 Minuten
Text: Juliane Gringer
Fotos: Fotolia – peshkov, Die Hoffotografen Berlin

Die Management-Hochschule BSP Business School Berlin hat im Rahmen der Initiative Mittelstand-Digital des Bundeswirtschaftsministeriums einen Leitfaden entwickelt, mit dem Unternehmen ihren digitalen Reifegrad ermitteln können. Prof. Dr. Thomas Thiessen, Rektor der BSP und Leiter des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums Kommunikation erklärt, wie die Digitalisierung in der Praxis gelingt.

Herr Prof. Thiessen, warum ist es für ein Unternehmen wichtig zu wissen, wo es in puncto Digitalisierung steht?
Eine Bestandsaufnahme des digitalen Reifegrads ist eine ganz wesentliche Voraussetzung dafür, die nächsten Schritte der Digitalisierung in Angriff zu nehmen. Denn in den folgenden Schritten geht es darum, diese auf konkrete firmeninterne Abläufe zu übertragen. Lediglich einen allgemeinen Status quo der Technologie zu ermitteln, reicht jedoch nicht aus, denn aus Sicht der Unternehmer gibt es auch großen Handlungsbedarf in Bezug auf die Offenheit von Mitarbeitern gegenüber digitalen und anderen Innovationen. Und aus der Perspektive der Forschung besteht insbesondere bei der Entwicklung tragfähiger Digitalisierungsstrategien mit Rückwirkung auf die Unternehmenskultur höchster Handlungsdruck. Erst durch diese ausdifferenzierte Betrachtung lassen sich Stärken und Schwächen der Unternehmen identifizieren – und nur auf dieser Grundlage können sie Optimierungsprozesse entwickeln.

Sie haben an der BSP Business School Berlin einen Leitfaden entwickelt, mit dem Unternehmen ihren digitalen Reifegrad bestimmen können – wie sieht der aus?

Der Leitfaden „In 5 Schritten zur Digitalisierung“ hilft kleinen und mittelständischen Unternehmen, in fünf Schritten den Einstieg in das eher abstrakte Thema Digitalisierung zu finden. Bei unserem Modell wird anhand der sechs Dimensionen Mitarbeiter, Kultur, Technologie, Kundenerlebnis, Leadership und Strategie zunächst der Reifegrad der jeweiligen Bereiche analysiert. Dabei wird nach Relevanz gewichtet: Die Strategie-Dimension hat eine besonders hohe Bedeutung – daher fließt sie mit einer höheren Gewichtung in die Reifegrad-Ermittlung ein. In der Ergebnisanalyse wird dann zwischen vier Reifestadien unterschieden: digitale Anfänger, digitale Intermediäre, digital Fortgeschrittene und digitale Experten.

Wie läuft der Prozess der Analyse ab?
Zuerst gilt es zu untersuchen, welche Wertschöpfungsketten für das jeweilige Unternehmen am wichtigsten sind und wo die Digitalisierung für das wirtschaftliche Ergebnis und die betriebliche Steuerung ausschlaggebend sein kann. Nicht jedes Unternehmen muss komplett durchdigitalisiert sein. Vielmehr geht es darum, die Ausschnitte der betrieblichen Abläufe festzulegen, in denen eine Digitalisierung entweder zwingend erforderlich ist oder zumindest erhebliche Vorteile erwarten lässt. In jedem Fall gibt es Schnittstellen mit Zulieferern oder Kundinnen und Kunden, die bei einem Digitalisierungsprozess eingebunden werden müssen. Diese externen Faktoren müssen ‚eingepreist‘ und bei der Vorbereitung einer Digitalisierungsstrategie berücksichtigt werden, um eine systematische Herangehensweise an das Thema zu gewährleisten. Wichtig ist auch, schon zu diesem Zeitpunkt zu prüfen, ob tatsächlich alle erforderlichen Informationen vorhanden sind, um Entscheidungen treffen zu können. Für all das ist eine Bestandsaufnahme im Vorfeld essenziell.
Wenn man den digitalen Reifegrad bestimmt hat, wie geht es dann weiter?
Fragen, die einen Unternehmer oder eine Unternehmerin nach so einer Analyse häufig stark bewegen, sind folgende: Wie beginne ich nun den Digitalisierungsprozess? Wie stark verändert sich dadurch das Unternehmen? Wie sieht meine Rolle als Führungskraft künftig aus? Vortragsprogramme und wissenschaftliche Modelle sind in diesem Zusammenhang nur begrenzt hilfreich. Sensibles Management bedeutet vielmehr, den Stellungswechsel in Veränderungsprozessen persönlich einzuüben, auch mit fremder Hilfe. Denn was digitaler Wandel wirklich bedeutet, spüren alle sehr individuell. Der gute Wille, mitzuhalten und sich mittels Information und Weiterbildung in der Welle der Digitalisierung über Wasser zu halten, ist Führungskräften nicht abzusprechen. Die Psychologie sagt aber, dass Menschen auf überfordernde Situationen mit Schutzmaßnahmen reagieren, ohne dass sie dies selbst wahrnehmen. Im Management ist Selbstkontrolle an jeder Stelle gefragt. Wenn dagegen unbewusste Muster greifen, wird das oft verdrängt. Genau diese Muster sollten der Führungskraft transparent gemacht werden. Danach können dann die definierten Schritte des Veränderungsmanagements in überschaubaren Portionen umgesetzt werden.
Wie sollten Unternehmen den Weg durch die digitale Transformation angehen?
Digitalisierung fängt – wie alle großen Strategieprojekte – immer mit der Sensibilisierung der Mitarbeiter im Unternehmen an. Veränderungen beginnen im Kopf und im Herzen. Deshalb hinterfragen wir in unserem Modell die Messung digitaler Reife im Kontext der Unternehmenskultur.

»Veränderungen beginnen im Kopf und im Herzen.«

Prof. Dr. Thomas Thiessen, Rektor der BSP Business School Berlin

»Veränderungen beginnen im Kopf und im Herzen.«

Prof. Dr. Thomas Thiessen, Rektor der BSP Business School Berlin

Was ist für eine erfolgreiche Umsetzung nötig?
Dafür sind meiner Meinung nach drei Punkte entscheidend: die eigene Motivation, die Kommunikation und das Wissen. Am Anfang steht die Motivation der Führungskräfte in ihren jeweiligen Abteilungen. Aus der Überzeugung heraus, dass Digitalisierung zugleich die Zukunftssicherung ihres Unternehmens bedeutet, tragen sie ihre eigene Veränderungsbereitschaft in die Belegschaft. Gezielte interne Kommunikation fördert die Akzeptanz von digitalen Veränderungen über alle Hierarchieebenen hinweg. Der methodische Baukasten hierzu ist breit gefächert. Innovative Workshop-Formate beispielsweise helfen dabei, Führungskräfte untereinander und mit der Belegschaft in einen konstruktiven Dialog zu den digitalen Anforderungen zu bringen. Methodisches und fachliches Wissen mindert Skepsis und Abwehr gegenüber digitalen Veränderungen. Mit digitalen Formen der Qualifizierung können auch kleine und mittelständische Unternehmen ihre Beschäftigten bedarfsgerecht weiterbilden. Es gilt also, alle Personen, die am Digitalisierungsprozess beteiligt sind, in ihrem jeweiligen Selbstverständnis – sei es als Unternehmer, Fachabteilungsleiter oder als operatives Personal – auf dem Weg mitzunehmen.
Gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Branchen – was ist für Transport und Logistik relevant?
Unabhängig von der jeweiligen Branche und unabhängig von der Ausrichtung – B2C oder B2B – gibt es in fast allen Unternehmen die Möglichkeit, bisher analoge Prozesse zu digitalisieren. Ob und in welchem Ausmaß es sinnvoll ist, das unterscheidet sich unter Umständen erheblich: Unternehmerisch kann es klüger sein, sich für die Einführung einer digital unterstützten Finanzabwicklung zu entscheiden, als gleich den ganz großen Wurf zu wagen und Lagerlogistik mit RFID-Transpondern und 24-Stunden-Kontrolle zu realisieren. Aber egal, wie umfangreich der Digitalisierungsprozess sein soll: In einem ersten Schritt muss der Ist-Zustand ermittelt werden. Es gilt, die rosarote Brille abzunehmen und kritisch, also ohne Bewertung oder Verzerrung, zu erfassen, was im Betrieb real passiert und auch, welche externen Abhängigkeiten es eventuell gibt: Eine Übersicht über ausgelagerte Prozesse ist ja vor allem für Transport und Logistik von hoher Relevanz.
Digitalisierung als Begriff steht für ein sehr komplexes Thema. Das hemmt sicher auch viele, wenn es um digitale Veränderungsprozesse geht?

Das ist richtig – und vor diesem Hintergrund fällt es den Verantwortlichen oft schwer, konkrete, auf das Unternehmen ausgerichtete Schritte zu finden und den Einstieg zu schaffen. Deshalb ist es wichtig, Praxisbeispiele zu zeigen und eine Politik der kleinen Schritte zu verdeutlichen. Die Vermittlung von methodischem Wissen rund um Change Management und das Angebot von praxisnahen Cases zum Einstieg in die Digitalisierung sind meiner Meinung nach unerlässlich. Vor diesem Hintergrund können Unternehmen beispielsweise kostenfrei sehr wertvolle Einstiegsangebote der Initiative Mittelstand-Digital des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie nutzen. Darin werden differenzierte Modelle der Ermittlung des digitalen Reifegrads erläutert und verglichen. Zur Initiative Mittelstand-Digital gehört auch unser Mittelstand-4.0-Kompetenzzentrum Kommunikation.

Wer kann noch helfen?

Eine wichtige Unterstützerfunktion haben aus meiner Sicht wirtschaftsnahe Multiplikatoren wie Kammern, Verbände und Wirtschaftsförderungen. Sie können bestehende Barrieren zwischen Branchen, Initiativen und Interessengruppen abbauen und einen übergreifenden Wissenstransfer initiieren. Die Zusammenarbeit mit Unternehmen hat uns gezeigt, dass dort häufig die Zeit fehlt, sich mit dem Thema Digitalisierung zu beschäftigen. Mittelständische Unternehmer denken zu Recht kosten- und nutzenorientiert. Betriebswirtschaftliche Aspekte und Effekte des digitalen Wandels müssen klar erkennbar und präzise kalkulierbar sein – das Tagesgeschäft muss weitergehen. Insofern sollte sich jedes Unternehmen überlegen, einen internen Change Agent einzustellen oder einschlägige externe Dienstleister in Anspruch zu nehmen.

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Reifegrad-Analyse bei BPW

Bereits Ende 2016 hat BPW eine Reifegrad-Analyse durchgeführt, um zu ermitteln, wo das Unternehmen beim Thema Digitalisierung steht und daraus Handlungsfelder abzuleiten. Ein externes Beratungsinstitut befragte dazu in einem ersten Schritt die Mitarbeiter mit einem umfangreichen Onlinefragebogen, wie sie den Stand der Digitalisierung von BPW bei Produkten, Prozessen und Geschäftsmodellen einschätzen. „Im Rahmen der Befragung wollten wir aber auch die ‚soften‘ Faktoren einschätzen: Wie steht es um Veränderungskompetenz, wie wird zusammengearbeitet und kommuniziert und welche Einstellung haben die Mitarbeiter zu Digitalisierung? Das sind entscheidende Erfolgsfaktoren, um die Potenziale von Digitalisierung zu heben“, erklärt Marcus Sassenrath. Der Gründer des BPW Innovation Labs in Siegburg hat die digitale Reifegradanalyse bei BPW begleitet.

Es folgten weitere qualitative Interviews mit Mitarbeitern und Führungskräften. „Aus den Ergebnissen konnten wir die wichtigsten Handlungsfelder ableiten“, so Sassenrath. In Workshops mit den Fachabteilungen im Unternehmen fragte er zudem noch die jeweiligen individuellen Perspektiven ab, um konkrete Aufgaben zu formulieren. „Ich denke, der gesamte Prozess einer Reifegrad-Analyse war auch hilfreich, um die Mitarbeiter mit dem Thema Digitalisierung in Kontakt zu bringen und ihr Bewusstsein dafür zu schärfen“, beschreibt er. Ein wichtiges Handlungsfeld war daher auch die Schaffung eines einheitlichen Verständnisses des Themas Digitalisierung: Sassenrath hat in einer Definition die Chancen, Herausforderungen und Möglichkeiten beschrieben, die für BPW in der Transformation liegen.

Das Unternehmen treibt diesen Wandel stetig voran. Mit Erfolg: 2018 wurde BPW vom Magazin Focus Money als Digital Champion ausgezeichnet; im gleichen Jahr kürte das Capital Magazin das BPW Innovation Lab zu den besten Ideenschmieden Deutschlands. Und es geht weiter: „Unsere derzeit wichtigsten Aufgaben liegen darin, die Digitalisierung mit passender IT zu untermauern und Kooperationen zu fördern. Ein Beispiel dafür ist das BPW Innovation Lab, mit dem wir ganz nah am Markt sind und gemeinsam mit unseren Kunden ermitteln, welche modernen Lösungen die Akteure in Transport und Logistik brauchen.“

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2 Kommentare

  1. Der Test funktioniert leider nicht: Error 403 – This web app is stopped.
    The web app you have attempted to reach is currently stopped and does not accept any requests. Please try to reload the page or visit it again soon.

    If you are the web app administrator, please find the common 403 error scenarios and resolution here. For further troubleshooting tools and recommendations, please visit Azure Portal.

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    • Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Link aktualisiert.

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