Warum die digitale Transformation bei den eigenen Mitarbeitern beginnt

Lesezeit ca. 8 Minuten
Text: Juliane Gringer
Fotos: Fotolia – WrightStudio, Klemens Skibicki, WU Wien, Müller – Die lila Logistik AG

Digitalisierung, Industrie 4.0 und das Internet der Dinge fordern den Akteuren der Logistikbranche viel ab. Und niemand kann sich diesen Herausforderungen entziehen: Der Wandel ist von der Kür zur Pflicht geworden. Wie können Unternehmen die digitale Transformation bewältigen und ihre Zukunft sichern? Warum man ohne Input von außen den Anschluss verliert und wie Entscheidungsträger jetzt noch das Steuer übernehmen können, erfahren Sie hier.

„Nur wer Mut beweist, wird am Ende belohnt“, ist Johannes Berg, Geschäftsführer des Digital Hub Logistics in Hamburg, überzeugt. „Von den Zufriedenen haben wir wenig Innovation zu erwarten.“ Er bringt damit auf den Punkt, was Digitalisierung, Industrie 4.0 und das Internet der Dinge den Akteuren der Logistikbranche abfordern: Sie müssen die digitale Transformation, die derzeit passiert, mit Leben füllen und sich damit immer neu anpassen und aufstellen – der Wandel ist von der Kür zur Pflicht geworden. Er beeinflusst das Management genauso wie die Personalbereiche und jeden einzelnen Mitarbeiter: Arbeitnehmer und Arbeitgeber müssen sich von vielen gewohnten Arbeitsweisen und Prozessen verabschieden. Wie kann man diese Bewegung erfolgreich meistern?

„Nörgeln, hinterfragen und immer wieder Neues ausprobieren“

Zum Beispiel mithilfe von Vernetzung. Der Digital Hub Logistics in Hamburg versteht sich als „erste Adresse für die digitale Business-Transformation der Logistikindustrie“ und bietet seinen Nutzern einen physischen Marktplatz für Ideen, Geschäftsmodelle, Lösungen und Netzwerke. „Wir lassen in unseren Räumen Start-ups direkt neben etablierten Unternehmen arbeiten und bringen die Gründer mit Vertretern der Stadt Hamburg und aus der regionalen Logistik an einen Tisch. Im Hintergrund gibt es ein starkes universitäres Netzwerk, auf das alle zurückgreifen können“, erklärt Berg. Klare Fakten und Kommunikation sind seiner Meinung nach der Schlüssel zum Erfolg einer Transformation.

Und genau diese Transformation machen alle Nutzer des Digital Hub Logistics durch: „Jeder, der zu uns kommt, steht vor einer Herausforderung und will etwas verändern oder etwas Neues schaffen.“ Berg empfiehlt ihnen genau wie allen, die sich dem Wandel stellen und ihn gestalten wollen: „Man sollte nörgeln, hinterfragen und immer wieder Neues ausprobieren – schließlich macht das auch unglaublich viel Spaß.“ Auf dem Weg zur perfekten Idee und deren Umsetzung kommt es seiner Ansicht nach auch auf direkte zwischenmenschliche Kommunikation an: „Trotz allem Digitalen ist es immer noch das Wichtigste, seine Themen im direkten Kontakt mit anderen zu diskutieren. Bei uns gibt es die Chance, eine Idee vor den anderen zu pitchen und direktes Feedback zu bekommen. Veränderung ist und bleibt ein menschlicher Prozess.“

»Nur wer Mut beweist, wird am Ende belohnt. Von den Zufriedenen haben wir wenig Innovation zu erwarten.«

Johannes Berg, Geschäftsführer des Digital Hub Logistics Hamburg

Menschen gestalten und lenken den Wandel

Der Wandel braucht die Menschen, die ihn gestalten. Deshalb gilt es auch die Mitarbeiter intensiv einzubeziehen – ein weiterer wichtiger Faktor für eine erfolgreiche Transformation. Die größte Herausforderung sei eben jene Veränderung, die in den Köpfen passieren muss, meint Prof. Dr. Klemens Skibicki. Der Keynote Speaker und Berater zum Thema digitale Transformation erklärt: „Bei Innovationen ist die neue Technologie in der Regel nicht das Problem: Sie folgt einer ökonomischen Logik. Dann gibt es da aber noch die menschliche Logik: Wenn Menschen etwas nicht begreifen, lehnen sie es erst mal ab. Wir müssen die neuen Dimensionen begreifen, durchdringen und dann viel ausprobieren. Wir brauchen die Architekten und Steuerleute, die den Wandel umsetzen, gestalten und lenken. Für alle, die nicht mit der Technologie groß geworden sind, ist das eine Herausforderung.“

Skibicki hat sich in seiner Promotion im Fach Wirtschaftsgeschichte mit der ökonomischen Logik hinter einem Strukturwandel beschäftigt: „Im Nachhinein klingt es immer einfach: Da wurde etwas erfunden, etwa die Dampflokomotive, und dann hat diese Innovation sich durchgesetzt. Doch auch in vergangenen Zeiten haben die Menschen nicht begeistert auf so eine Veränderung reagiert, sondern waren eher ablehnend und verängstigt. Und natürlich ist es schwer, gelernte Muster und Rollen aufzugeben. Da denkt man erst an die Kosten und Risiken – und ja, die sind auch da.“ Wer aber verharre und sich der Veränderung verweigere, riskiere damit viel mehr: „Die digitale Transformation ist wie ein Schlitten, der immer schneller ins Tal rast – jetzt kann man sich noch entscheiden, ob man aufspringen und die Bewegung selbst steuern will. Später wird man einfach mitgerissen.“

Daten klug nutzen und Wertschöpfungsketten neu denken

Einen großen Hebel sieht Prof. Skibicki in den Daten, die man rund um den Transport generieren kann: „Es liegt eine ganz neue Wertschöpfung darin, Daten zu sammeln und sie mit neuen zu verknüpfen. Um diese Erlösdimension zu nutzen, muss man seine Dienstleistung genau durchdenken und in Werte umsetzen.“ Man dürfe keine Angst vor der Nutzung von Daten haben, so der Experte: „Daten sind nicht gefährlich! Sie können uns sehr nützlich sein. Wir müssen nur die Wege finden, auf denen sie das sind.“ Die Konkurrenz sei schließlich groß, auch Branchenfremde drängten auf den Markt: „Die meisten Testkilometer im autonomen Fahren absolviert Google“, weiß Prof. Skibicki. „Da werden unfassbar viele Daten gewonnen und immer mehr Wissen, das an etlichen anderen Punkten verkauft werden kann.“ Er selbst hat lange in Medienunternehmen gearbeitet – in der Branche also, die als erste von der Digitalisierung betroffen war. „Ich kann mich noch erinnern, wie es 2012 dort hieß: ‚Mit Instagram müssen wir uns nicht beschäftigen, da geht es doch nur um Bilder …‘ Man darf nicht den Fehler machen, die eigene bisherige Wertschöpfungskette auf neue Technologien zu projizieren.“

»Die digitale Transformation ist wie ein Schlitten, der immer schneller ins Tal rast – jetzt kann man sich noch entscheiden, ob man aufspringen und die Bewegung selbst steuern will. Später wird man einfach mitgerissen.«

Prof. Dr. Klemens Skibicki, Keynote Speaker und Berater zum Thema digitale Transformation

„Outside the box“-Denken braucht den Blick von außen

Prof. Skibicki empfiehlt auch, den eigenen Horizont nicht zu eng zu stecken – und sich Unterstützung von außen zu holen. „Wichtig ist, dass man ein mögliches Szenario der Veränderung konsequent durchdekliniert: Wie kann es genau aussehen, was bedeutet es für mich als Unternehmen? Man muss das kognitiv verstehen, aber den Weg auch emotional mitgehen. Dabei kann externe Hilfe sehr nützlich sein.“ Hürden im Kopf seien ganz normal: „Viele denken, sie verstehen nicht, was jetzt passiert, weil es anders ist als das, was sie gelernt haben. Hier kann man sich bewusst machen, dass das Gelernte nicht das Beste sein muss. Entspannend wirkt in der Regel auch das Bewusstsein, dass die Leute um mich herum auch Fragezeichen im Kopf haben und noch nicht alles wissen: Es ist eben ein Transformationsprozess, bei dem wir alle dazulernen.“

Unterstützung von außen bietet die Unternehmensberatung Müller – Die lila Consult GmbH. Als Tochtergesellschaft der Müller – Die lila Logistik AG verfolgt sie die Philosophie, Beratung und Umsetzung zu verschmelzen, um den Kunden beides aus einer Hand zu bieten. Geschäftsführer Dr. Volker Sudbrink erklärt: „Wir können als Berater von einem breiten Erfahrungsschatz aus verschiedenen Branchen profitieren. Das ist wichtig, denn ich denke, der wesentliche Schritt auf dem Weg durch die Transformation liegt darin, die Offenheit zu entwickeln, sich auch selbst zu hinterfragen – und von anderen zu lernen. Logistiker sollten über den Tellerrand schauen, innovative Konzepte aus anderen Branchen analysieren und für sich prüfen, ob sie davon lernen können. Vielen fällt das noch schwer.“ In Bezug auf die Nutzung neuer Technologien kommt es für ihn nicht darauf an, möglichst viele davon zu nutzen, sondern vielmehr diejenigen neuen Technologien zu identifizieren, die die Chance bieten, sich vom Wettbewerb abzusetzen: „Jeder muss seinen individuellen digitalen Weg finden.“

»Logistiker sollten über den Tellerrand schauen, innovative Konzepte analysieren und für sich prüfen, ob sie davon lernen können.«

Dr. Volker Sudbrink, Geschäftsführer von Müller – Die lila Consult GmbH

Aus der Supply Chain wird das Supply Network

In der Beratung denken Sudbrink und sein Team ganzheitlich: „Wir schauen in die gesamte Supply Chain – wobei es die im klassischen Sinne ja kaum mehr gibt, denn heute ist es so: Der Kunde bestellt und löst damit über verschiedene IT-Systeme, inklusive Omnichannel, den gesamten Prozessfluss bezüglich Waren, Informationen und Finanzen aus. Wir sprechen deshalb von Supply Networks. Und dabei müssen die typischen Zielkonflikte zwischen Produktion und Logistik, Supply Chain Management, Vertrieb oder Einkauf in einer durchgehenden Struktur aufgelöst werden“, so Sudbrink. Wenn er ein Unternehmen begleitet, beginnt er mit einem umfassenden Audit des Supply Networks: „Wir schauen uns sämtliche Prozessbereiche an und prüfen, wie ein Unternehmen im Bereich Digitalisierung oder in puncto Lean Management schon aufgestellt ist – gemessen an den heutigen Möglichkeiten. Da spreche ich nicht nur von Robotersystemen und Automatiklösungen auf dem Shopfloor, sondern vielmehr von der Vernetzung der einzelnen Systeme. Sprich: auch von der Vernetzung zu den Lieferanten.“ Im weiteren Verlauf entwickelt er gemeinsam mit dem Kunden ein Prozess-Mapping, das die Themen transparent macht: „Wir gehen sehr analytisch vor, was auch anzuraten ist. So können wir relativ schnell Schwachstellen aufdecken und mithilfe von vielen Benchmarks und Best-Practice-Beispielen aufzeigen, wo es mittelfristig und auch kurzfristig Potenziale auszuschöpfen gibt“, erklärt der Geschäftsführer. „Die Offenheit des Unternehmens dafür, neue Wege zu gehen, ist ganz wichtig. Man muss sich von starren alten Strukturen trennen.“

Bildung gestaltet den Fortschritt

Bildung ist ebenfalls essenziell für den Weg durch den Wandel. Das fängt mit den Grundlagen an: „Die Ausbildung von Fachkräften ist angesichts der zahlreichen Veränderungen, die nicht nur die Digitalisierung mit sich bringt, ein ganz wichtiger Erfolgsfaktor für eine gelungene Transformation“, erklärt Prof. Dr. Sebastian Kummer, Vorstand des Instituts für Transportwirtschaft und Logistik der Wirtschaftsuniversität Wien. Er selbst steht der aktuellen Dynamik in der Branche sehr optimistisch gegenüber: „Für mich als Wissenschaftler ist Veränderung immer positiv besetzt, Wissenschaft besteht ja seit jeher aus Fortschritt und Wandel. Ich sehe stets vor allem die Chancen, die darin liegen.“

Sein Institut ermittelt in diversen Forschungsprojekten, welche Technologien Potenzial haben und wie sich Veränderungen auf den Markt auswirken. Derzeit arbeitet das Team unter anderem am Thema Blockchain in der Supply Chain und in der Transportwirtschaft. Transport- und Logistikunternehmen sollten seiner Empfehlung nach an solchen Entwicklungen zwingend teilhaben, weil sie heute in der Regel im internationalen Wettbewerb stehen: „Sie möchten schließlich weder abgehängt werden noch in Abhängigkeit geraten.“ In die Ausbildung seiner Studenten fließen die Themen Digitalisierung, Innovations- und Start-up-Management ganz selbstverständlich ein. Das Ziel: „Absolventen sollen darauf vorbereitet sein, die Änderungen zu begleiten“, so Kummer. Für Führungskräfte bietet er ebenfalls Weiterbildungen an: „Wir möchten ihnen zeigen, was durch die Digitalisierung auf Unternehmen zukommt. Wir vermitteln, welche neuen Technologien zu erwarten sind und wie man Ideen für neue Geschäftsmodelle schneller entwickeln kann.“

»Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Verschmelzung von Fachwissen und Start-up-Denken.«

Prof. Dr. Sebastian Kummer, Vorstand des Instituts für Transportwirtschaft und Logistik der Wirtschaftsuniversität Wien

Fachwissen und Start-up-Denken miteinander verschmelzen

Die Logistikbranche sei lange recht behäbig und konservativ gewesen, meint Prof. Kummer: „Die Margen waren niedrig, und dementsprechend war natürlich auch die Bereitschaft eher gering, in frische Ideen zu investieren. Diese Skepsis ist immer noch zu spüren, viele tun sich bei der Integration von Neuem schwer.“ Ein Zwischenweg sei die sogenannte Horse-Strategie, bei der traditionelle Unternehmen auf ein „zweites Pferd“ setzen – und ein zusätzliches Start-up gründen. Diese Start-ups haben den Vorteil, dass sie agiler sind als das Stamm-Unternehmen und mehr Risiken eingehen können. „Nachholbedarf haben die jungen Unternehmen dagegen meist im Bereich Erfahrung und Fachwissen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Verschmelzung von Fachwissen und Start-up-Denken – die Unternehmen, denen das gelingt, sind erfolgreich.“

Vom Bauchgefühl zum KPI

Ob man Erfolg hat, weiß man nur, wenn man ihn auch misst. Dazu braucht man wirksame Instrumente. Volker Sudbrink empfiehlt, Indizes zu definieren – zu Faktoren wie Prozesstreue, Kundenzufriedenheit, Qualität, Kosten, Produktivität und Effizienz. „Wir nutzen sie in unserer Arbeit, um den Ist-Zustand zu bewerten und dem Optimalzustand gegenüberzustellen. So sieht man, wie ein Unternehmen aufgestellt ist, wo Handlungspotenzial besteht – und welche Fortschritte zu verzeichnen sind. Man entwickelt also ein simples, aber sehr wirkungsvolles Monitoring-System. Wir schulen dann auch die Mitarbeiter dazu, sodass unsere Kunden die Entwicklung nach der Konzeptions- und Implementierungsphase selbst weiterverfolgen können.“ Einen Endpunkt gibt es dabei nicht: „Es ist ein kontinuierlicher Prozess, der auf Dauer angelegt ist. So etwas fängt man nicht an und hört irgendwann damit auf.“

DIE ACHT ERFOLGSFAKTOREN DER DIGITALEN TRANSFORMATION

Vernetzung

Menschen

Wertschöpfungsketten

neu denken

w

Unterstützung holen

VON DER SUPPLY CHAIN

ZUM SUPPLY NETWORK

k

Bildung

Start-ups integrieren

Erfolge messen

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