Die „Handwerker im Speditionswesen“

Lesezeit: ca. 4 Minuten
Text: Juliane Gringer
Fotos: AMÖ, BPW

Wer neue Möbel online kauft oder einen Umzug plant, vertraut beim Transport auf Spezialisten. Andreas Eichinger, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Möbelspedition und Logistik (AMÖ), und Unternehmer Jürgen Zantis berichten von den Herausforderungen des Geschäfts – und wie E-Lkw Einzug halten können.

Herr Zantis, Ihr Unternehmen wickelt Umzüge ab. Vor welchen Herausforderungen stehen Sie dabei?

Zantis: Möbel sind keine Ware wie jede andere – vor allem, weil sie häufig auch von uns demontiert und wieder aufgebaut werden. Ein Umzug oder auch eine Auslieferung ohne eine Fachkraft für Möbel-, Küchen- und Umzugsservice oder einen Tischler ist deshalb quasi nicht mehr darstellbar. Und auch IT-Dienstleistungen gehören unter anderem dazu, wenn wir technische Anlagen abklemmen, anklemmen und teilweise wieder installieren. Man kann uns als die Handwerker im Speditionswesen bezeichnen, die mit den berufstypischen Herausforderungen konfrontiert sind: Bei neuen Möbeln stimmen nicht immer alle Bohrungen. Und bei Küchen aus deutscher Fertigung ist in der Regel der Korpus schon montiert, die Fronten müssen aber noch angebracht werden. Da hängt der Aufwand davon ab, wie gut vorab das Aufmaß durchgeführt wurde. Das übernehmen häufig spezielle Aufmaß-Teams und wir hoffen immer, dass die alle Kleinigkeiten bedacht und nichts übersehen haben.

»Ein Umzug oder auch eine Auslieferung ohne eine Fachkraft für Möbel-, Küchen- und Umzugsservice oder einen Tischler ist quasi nicht mehr darstellbar.«

Jürgen Zantis, geschäftsführender Gesellschafter Möbelspedition Maassen & Becker GmbH

Der Transport ist wahrscheinlich ebenso vielfältig?

Zantis: Ja, neue Möbel sind in der Regel gut und kompakt verpackt. Bei aufgebauten Stücken müssen wir jedoch schauen, was demontiert werden kann oder was wir im Ganzen bewegen und entsprechend schützen müssen. Umzugsgut kann aber auch klassische Speditionsware werden: Wir haben zum Beispiel vor kurzem gemeinsam mit dem Stückgut-Spediteur Ziegler einen Umzug nach Südspanien organisiert. Das waren rund 100 Kartons, die wir palettiert haben, um sie günstiger bewegen zu können. Dazu kamen nur noch ein paar Kommoden, Sessel, Bilder und  Spiegel.

Eichinger: Die Logistikerinnen und Logistiker, die Möbel bewegen, haben ganz unterschiedliche Spezialisierungen. Die eine Spedition hat ihren Schwerpunkt im Nahverkehrs-Umzug, die andere betreut vor allem Seniorenumzüge, die nächste betreut Bibliotheken, bewegt medizinische Großgeräte oder Kunst. Es gibt viele Sparten, die Außenstehende oftmals gar nicht als Bestandteil eines Umzugsunternehmens wahrnehmen. Viele Unternehmen sind mittlerweile echte Speziallogistiker, die immer dann zum Einsatz kommen, wenn es um die Lösung diffiziler Probleme geht, für die es kein klares Gewerk gibt. Eine weitere Herausforderung ist, dass viele Geschäftsbereiche der AMÖ-Spediteure saisonal geprägt sind. In der Corona-Pandemie war beispielsweise der Bedarf in der Neumöbellogistik sehr groß, weil viele Menschen ihr Zuhause neu eingerichtet haben. Solche Spitzen muss man genauso abpuffern können wie die Zeiten, in denen weniger Neumöbel gekauft werden.

Der AMÖ vertritt die Interessen von Unternehmern gegenüber der Politik und Öffentlichkeit. Was sind aktuell die drängendsten Themen?

Zantis: Die steigenden Kosten, unter anderem bei Verpackungsmitteln und Treibstoff, sind für uns natürlich ein großes Problem. Und während Privathaushalte unterstützt werden sollen, verliert die Politik aus den Augen, dass Speditionen, die mit Diesel fahren, Schwierigkeiten haben, auskömmlich zu wirtschaften. Wenn man die Transportkosten nicht entsprechend kalkuliert, führt das schnell zu einer Schieflage. Der Verband kann da begleitend unterstützen und natürlich in den Dialog mit der Politik treten. Dazu kommt noch der gestiegene Mindestlohn, durch den oftmals alle Löhne angepasst werden müssen. Wenn ich jetzt einen einfachen Helfer ohne Ausbildung, der vielleicht nur Kartons von A nach B rollt, mit 12 Euro vergüten muss, kann ich natürlich keinen Fahrer mit 16,50 Tariflohn abspeisen.

Eichinger: Es fehlen auch in unserem Bereich, wie in vielen anderen, Arbeitskräfte. Die Ursache ist aus meiner Sicht, dass die Branche als wenig attraktiv wahrgenommen wird. Viele denken wahrscheinlich, dass man jeden Tag schwere Möbelstücke in den fünften Stock eines Altbaus schleppen muss – und nie weiß, wann man Feierabend hat. Aber wie Herr Zantis es beschrieben hat: Hier sind Handwerker gefragt, die sich mit ihren individuellen Fähigkeiten einbringen können und das macht es spannend! Man muss ein Stück weit dafür gemacht sein, aber dann wird man mit einem sehr vielseitigen Beruf belohnt. Jeder Tag ist anders.

»Es gibt kleinere Hebel, um die Ökobilanz von Umzügen zu steigern, wie das Wiederverwenden von Umzugskartons. Und größere wie den Einsatz von Fahrzeugen mit alternativen Antrieben oder Photovoltaikanlagen auf dem Dach eines Lagergebäudes.«

Andreas Eichinger, Hauptgeschäftsführer Bundesverband Möbelspedition und Logistik (AMÖ)

Wie sieht es mit Digitalisierung aus – wie wichtig ist die für den Transport von Möbeln?

Eichinger: Klassische Umzugsunternehmen stehen bei der Digitalisierung noch recht am Anfang. Dort kommen beispielsweise Handheld-Geräte zum Einsatz, die Papier sparen und Flexibilität geben. Großes Potenzial gibt es bei den Besichtigungen vorab: Die führen immer mehr Unternehmen per Video durch und nutzen Software, mit der man das Volumen der zu verpackenden Möbel berechnen kann. Ebenso gibt es Potenzial in der Akquisition und bei der Angebotserstellung bis hin zum Einsatz von Software zur Disposition. Der Nachholbedarf im Umzugsbereich ist groß. In der Neumöbellogistik sieht es anders aus, dort wird schon viel mehr digital erfasst und automatisiert verarbeitet, um effizienter und nachhaltiger zu sein.

Wie grün können Umzüge heute schon sein?

Eichinger: Es gibt kleinere Hebel, um die Ökobilanz zu steigern, wie das Wiederverwenden von Umzugskartons. Und größere wie den Einsatz von Fahrzeugen mit alternativen Antrieben oder Photovoltaikanlagen auf dem Dach eines Lagergebäudes. Bei Fahrzeugen bleibt die Frage offen, welche Technologie sich durchsetzen wird. Im Bereich der elektrisch angetriebenen 3,5-Tonner ist die Auswahl schon gut, im Feld der 7,5-Tonner ist der BAX von BPW eine Option. Dieser E-Lkw interessiert uns und wir tauschen uns mit BPW intensiv dazu aus. Für unsere Mitgliedsunternehmen ist derzeit wichtig, dass sie sich in einem ersten Schritt bewusst werden, welches Routenportfolio sie haben und ob ein E-Fahrzeug dazu passt. Eine besondere Herausforderung bei privaten Umzügen ist, dass es in der Regel unterwegs keine Ladesäulen gibt – im Gegensatz zum klassischen Güterkraftverkehr, bei dem ich von Rampe zu Rampe fahre, die wiederum mit Ladesäulen ausgestattet sein könnten. Mit bis zu 200 Kilometer Reichweite, kurzer Ladedauer und einer für einen 7,5-Tonner hohen Nutzlast ist der BAX vielversprechend. Insbesondere in puncto Reichweite ist aber noch viel zu tun – selbst im Bereich der „letzten Meile“.

Zantis: Die öffentliche Ladeinfrastruktur muss sich auf jeden Fall verbessern, ebenso die in Gewerbegebieten. Viele Versorger auf kommunaler Ebene scheinen das Thema noch nicht wichtig genug zu nehmen. Darüber hinaus sollte das Thema Parken in den Innenstädten mehr Aufmerksamkeit bekommen. Das Beantragen und Aufstellen von Halteverbotszonen für einen Umzugstag ist aufwändiger und teurer geworden. Verwaltung und Kommunalpolitik haben offenbar nur grüne Innenstädte im Kopf und priorisieren Radwege und Parks. Das ist wichtig und schön, keine Frage, aber die Bewohnerinnen und Bewohner müssen eben auch versorgt werden oder ziehen mal um. Wenn in Aachen in Parktaschen mit jeweils drei Stellplätzen mittendrin ein Baum gepflanzt wird, sodass da kein Lkw mehr parken kann, dann  fühlen wir uns als Logistiker und Versorger der Städte nicht ausreichend berücksichtigt.

Was wünschen Sie sich noch?

Eichinger: Mit Blick auf die Innenstädte ist ein ungehinderter Zugang für den Lieferverkehr wichtig. Wir als Logistikbranche wollen die Städte versorgen und dazu gehören Umzüge oder auch Unternehmen, die ein CT-Gerät in die radiologische Praxis in der City bringen. Und ja, es gibt Dienstleister, die mit Fahrrädern oder Mikro-Depots experimentieren, aber ein Klavier oder die Büroeinrichtung wird nicht auf dem Cargo Bike transportiert werden, genauso wenig wie die Palette für den Supermarkt. Das wäre auch nicht effizient.

Zantis: Der Raum in den Städten muss fair und bedarfsorientiert aufgeteilt werden.

Der Bundesverband Möbelspedition und Logistik (AMÖ) repräsentiert knapp 800 inhabergeführte, mittelständische Unternehmen, die ursprünglich alle private Umzüge abgewickelt haben. Viele von ihnen tun das bis heute, viele haben sich aber auch weiterentwickelt und betreuen unter anderem Umzüge von kompletten Organisationen, darunter auch Betriebsverlagerungen, bei denen Fertigungsstraßen ab- und wieder aufgebaut werden. Dabei nutzen sie Spezialfahrzeuge wie Kranwagen oder Schwertransporter. In der Regel bieten sie individuelle Lösungen und meistern spezielle Herausforderungen, wenn zum Beispiel tonnenschwere Maschinen millimetergenau eingebaut, wertvolle Gemälde temperaturgeführt transportiert oder Flügel aus dem vierten Stock eines Gebäudes ohne Fahrstuhl sicher nach unten gebracht werden müssen.

Andreas Eichinger ist seit 2021 Hauptgeschäftsführer des AMÖ. Er kommt aus der Verkehrswirtschaft, hat Wirtschaftswissenschaften studiert und war für den Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen mit verkehrlicher Rahmenplanung befasst. Es folgten Stationen an Universitäten und Instituten im In- und Ausland, bevor Eichinger bei der Fraport AG unter anderem mit strategischen Aufgaben und Verbands- sowie Gremienarbeit betraut war bevor er Vice President Operational Planning wurde.

Jürgen Zantis ist geschäftsführender Gesellschafter der Möbelspedition Maassen & Becker GmbH. Er ist seit 1990 in vierter Generation im Familienunternehmen tätig, das vor rund 120 Jahren gegründet wurde. Maassen & Becker hat in seiner Geschichte mehrere Strukturveränderungen erlebt: Vom Umzugsunternehmen hat es sich zum Neumöbellogistiker und Dienstleister für Möbelhäuser im Verteiler-Verkehr weiterentwickelt. Dazu kamen vor rund 25 Jahren Umzüge für Bundeswehr und Auswärtiges Amt, die bis heute einen Schwerpunkt bilden. Zantis ist Mitglied im Präsidium der AMÖ und Vorsitzender der Sparte im Landesverband Nordrhein-Westfalen.

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