Die Freude am Fahren

Lesezeit ca. 5 Minuten
Text: Oliver Willms
Fotos: Janina Martig, Richard Kienberger, OWImedia, Pixabay, BPW

Lkw polarisieren: Von Pkw-Piloten werden sie oft verachtet, von Fernfahrern geliebt. Woher kommt die Magie der Lastkraftwagen?

Franz Meersdonk, Günther Willers und ihre Maschinen. 320 PS. Sie fahren Terminfracht in aller Herren Länder. Auf sie ist Verlass! Das Intro der deutschen Erfolgsserie „Auf Achse“, gedreht von 1977 bis 1996, erzeugt bei Lkw-Fans noch heute Gänsehaut. Vor allem bei jenen, die selbst fahren: Am Steuer eines großen Lastzugs zu sitzen, davon sind viele Männer – und auch nicht wenige Frauen – ihr ganzes Berufsleben lang begeistert. Den Preis für die Freiheit hinter dem Lenkrad bezahlen sie mit langen Arbeitszeiten und viel Stress auf den überfüllten Fernstraßen Europas – wenn sie selbstständig sind, zusätzlich noch mit hohem finanziellen Druck. Ob der Duft von Abenteuer und Freiheit sie antreibt oder schlicht die Faszination einer überstark motorisierten Maschine, rational erklären kann man es kaum. Wer einmal am Steuer eines schweren Trucks saß, wird geprägt – und das oft ein ganzes Leben lang.

Das Fahrerpaar Walter Thaler und Tamara Sailer lebt und arbeitet während ihren langen Arbeitswochen zusammen in Ihrem 730 PS starken Scania.

Liebe geht durch den Wagen

Walter Thaler aus Leutasch in Tirol ist so ein Fahrer aus Leidenschaft. Den gelernten Tischler zog vor rund 30 Jahren die Sehnsucht nach der weiten Welt hinter das Lkw-Steuer. „Ich habe keinen einzigen Tag bereut“, versichert er. Im Gegenteil: Schließlich hat er in einer Tiroler Molkerei, die er regelmäßig belieferte, Tamara kennengelernt. Seit acht Jahren sind die beiden ein glückliches Paar, leben und arbeiten gemeinsam im veredelten Fahrerhaus ihres 730 PS starken Scanias. Die ganze Woche über rollt das Trucker-Paar mit Obst und anderen Lebensmittelfrachten quer durch Europa. Walter ist von Tamara mindestens so begeistert wie von seinem starken Lkw. Das Familienleben in der stabilen Dreierbeziehung zwischen Mann, Frau und Maschine findet auf wenigen Quadratmetern Lkw-Apartment statt. Auch nach vielen gemeinsamen Jahren in Doppelschichten wollen die beiden nicht von ihrem Job am Lasterlenker lassen. Für das Paar ist die Freude am Fahren immer noch so groß, dass es sie nach nur wenigen Stunden in der heimatlichen Wohnung immer schnell wieder zurück auf die Fernstraßen zieht.

Die Beziehung zwischen Mensch und Lkw sei durchaus vielschichtig, erklärt Johannes Vetter. Der Verkehrspsychologe erkennt im Reiz, der von der großen Fahrmaschine ausgeht, archaische Grundprinzipien. Der schwere Lkw sei ein Werkzeug, das die eigenen Kräfte um ein Vielfaches potenziere und so auch seinen Fahrer stark mache. Diesem Triumphgefühl erliege fast jeder nach ein paar Kilometern Fahrt: „Da mag es noch so viel Arbeitsstress, schlechtes Image und Termindruck geben: Wenn man am Steuer sitzt, ist das ein echtes Glücksgefühl“, berichtet Vetter. „Es entsteht unter anderem dadurch, dass Lkw-Fahrer viele Entscheidungen selbst treffen können und sicher viel Frust spüren, aber eben auch Erfolgserlebnisse. Das alles wird am Lkw-Steuer stärker erlebt als bei anderen Jobs.“

Janina Martig führt seit fünf Jahren erfolgreich ihr eigenes Transportunternehmen, in dem hauptsächlich Fahrerinnern am Steuer sitzen. Nebenher jobbt sie als gefragtes Teilzeitmodel.

Erfolgreich in der Männer-Domäne

Janina Martig aus dem schweizerischen Allschwill ist eine der Frauen, die in dieser Branche einsteigen. „Ich habe Diesel im Blut!“, erklärt die Jungunternehmerin, die vor fünf Jahren ihre eigene Logistikfirma aufgebaut hat und fast ausschließlich Fahrerinnen beschäftigt. „Schon als Kind habe ich lieber mit Spielzeug-Lkw als mit Puppen gespielt“, erinnert sie sich. Heute lässt die Schweizerin ihre Lastwagen im Maßstab 1:1 für die eigene Firma rollen. Neben internationalen Model-Jobs und dem Management ihres Transportunternehmens sitzt die Selfmade-Frau hin und wieder auch noch selbst hinter dem Lenkrad. Im Alltagsgeschäft übernehmen diesen Job ihre Fahrerinnen – in der männerdominierten Welt des Lkw immer noch eine Besonderheit.

„Die moderne Lkw-Technik fordert kaum noch körperlichen Kraftaufwand und macht den Zugang für fahrende Frauen immer einfacher“, weiß Diplom-Psychologe Vetter. Die These, dass Frauen grundsätzlich die besseren Verkehrsteilnehmer seien, kann der Experte dagegen nicht bestätigen. Frauen unterscheiden sich im Straßenverkehr heute nicht mehr grundsätzlich von Männern. „Sie fluchen und hupen genauso wie die männlichen Kollegen, haben sich aber letztendlich besser im Griff“, so Vetter. „Deshalb sammeln sie eher selten hohe Punktzahlen in Flensburg.“

Branchen-Beauties: Auf dem Truck-Grand-Prix am Nürburgring präsentieren sich Deutschlands schönste Trucks.

Der Lkw als Lebensinhalt

Auch wenn es gängige Klischees bedient: Es fällt auf, dass die Frauen das Fahrzeug fast ausnahmslos wohnlich und sauber halten. Die Männerwelt neigt dazu, „Trophäen“ wie Chrombügel, Zusatzscheinwerfer und Edelstahlhörner anzubringen. Designer-Graffiti an Truck und Trailer, Hochflorteppich oder Echtholzparkett im Interieur und so manche sehr mutige farbliche Ausgestaltung machen den Lkw eben unverwechselbar – und das zeigt man gern vor den Kollegen. Die gelebte Liebe zum Laster gleicht vielleicht auch aus, dass Brummifahrer häufig nur wenige soziale Kontakte haben. So wird der Lkw für manchen sprichwörtlich zum Lebensinhalt, in den man nicht nur viel Geld, sondern auch unzählige Stunden an Freizeit investiert. Und einmal im Jahr darf die Branche sich aus vollem Herzen so zeigen, wie sie ist: Der seit 33 Jahren etablierte Truck-Grand-Prix auf dem Nürburgring stellt die Bühne für das jährliche Schaulaufen der Show-Trucks und ihrer stolzen Besitzer. „Auch dabei gilt: Je größer, desto besser“, bringt es Verkehrsexperte Vetter auf den Punkt.

Leider bringt der Beruf aber auch gesundheitliche Risiken mit sich: Vor allem mit den Jahren häufen sich bei vielen Fahrern die Beschwerden – die Arbeit auf und neben der Autobahn hinterlässt ihre Spuren. „Gerade älteren Fahrern fehlt oft das Körpergefühl“, so Johannes Vetter. Daran sei auch die moderne Technik nicht ganz unschuldig: Den Einsatz der zahlreichen Assistenz- und Sicherheitssysteme im Lkw sieht der Verkehrspsychologe durchaus zwiespältig. „Sie verbessern zweifelsohne die Sicherheit sehr, aber bei den Fahrern baut sich dadurch auch ein Gefühl höherer Sicherheit auf, das den Blick für Risiken trüben kann. Da am Steuer weniger zu tun ist, sinkt automatisch die Aufmerksamkeit.“

Ingenieur Alexander Lübbe-Sloan entwickelt für namhafte Lkw-Hersteller innovative Technik. Privat ist er seit seiner Jugend leidenschaftlicher Lkw-Fahrer.

Theorie und Praxis

Das kann Alexander Lübbe-Sloan kaum passieren. Der Diplom-Ingenieur lebt seinen Laster-Traum als Entwicklungstechniker für namhafte Lkw-Hersteller aus – mit vollem Durchblick. Wenn bei ihm zum Beispiel der Abstandsassistent eingreift, hat der 40-Jährige ganz intuitiv alle Regelprozesse und Mechanismen der Technik vor Augen. Trotz aller Professionalität im Umgang mit moderner Lkw-Technik zieht die langjährige Begeisterung fürs Lkw-Fahren den versierten Entwickler immer wieder ans Steuer seines „privaten“ Lkw: Neben dem abwechslungsreichen Konstrukteursjob lenkt er regelmäßig seinen altgedienten MAN-Dreiachser im Kundenauftrag über internationale Pisten. „Sonst verlernt man noch etwas! Und die Lust am Fahren wird mit zunehmendem Alter sogar größer“, analysiert der gebürtige Bielefelder die Sucht nach dem Steuer, die ihn bereits als Kind befiel. In seiner Freizeit baut sich der Ingenieur aus einem Altfahrzeug gerade seinen persönlichen Traum-Truck wieder auf.

Ob der Fahrer, der täglich auf Tour ist, der Techniker oder die Unternehmerin – die Liebe zum Laster erreicht alle Bevölkerungsgruppen. Der Psychologe kann das nur bestätigen. „Das Lkw-Fahren ist eine nichtstoffliche Abhängigkeit“, meint Johannes Vetter. „Und die vereint die unterschiedlichsten Charaktere.“ Der Experte muss es wissen: Er ist selbst acht Jahre lang international Lkw gefahren, bevor er den Fahrersitz gegen die Studienbank eintauschte. Und auch heute würde der 66-Jährige sofort noch mal ins Fahrerhaus steigen – das Feuer der Faszination Lkw brennt auch für ihn ein Leben lang.

ACCESSOIRES FÜR GROSS UND KLEIN

Fahrer zeigen ihre Leidenschaft für den Transport, indem sie ihren Truck individuell gestalten. Für alle, deren Herz für BPW schlägt, gibt es den Fanshop des Unternehmens im Internet: Unter www.bpw-fanshop.com können sich Interessierte mit Artikeln im BPW Design ausstatten. Das Angebot reicht von der Babymütze mit passendem Body und Schnullerkette für den Nachwuchs über Outdoor-Kleidung und Lkw-Modelle bis zu technischen Helfern wie Powerbank oder USB-Stick.

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