Der schnelle Weg nach Asien: Die neue Seidenstraße

Lesezeit ca. 7 Minuten
Text: Oliver Schönfeld
Fotos: Christian Greiten, Oliver Schönfeld, Hochschule Osnabrück, Hellmann, Porsche

Die neue Seidenstraße überträgt die Idee antiker Handelsrouten in die Neuzeit – das gigantische Infrastrukturprojekt soll die Asien-Logistik grundlegend verändern. Doch welche realistischen Potentiale bietet das Megaprojekt tatsächlich? Hellmann Worldwide Logistics nutzt die Schienenverbindung bereits seit einigen Jahren, unter anderem für Porsche. Was die Seidenstraße für die angrenzenden Länder und die dort lebenden Menschen bedeutet, beleuchtet ein interkulturelles Projekt der Hochschule Osnabrück: Studierende folgen der Handelsroute über den Landweg von Hamburg bis nach Shanghai.

Zwischen Shanghai, Mombasa und Madrid entstehen derzeit etliche neue Zugstrecken und Straßen, Häfen und Flughäfen, Kraftwerke und Pipelines: Mit der neuen Seidenstraße will China ein neues Handelsnetzwerk zwischen Asien, Afrika und Europa schaffen und verspricht den Ländern Investitionen und Entwicklung. Während das Projekt in Europa von Anfang an umstritten war, boomt der Verkehr auf der eisernen Seidenstraße. Brauchte man bisher über den Seeweg rund 40 Tage für den Weg von Deutschland nach China, kann man westchinesische Provinzen jetzt schon in knapp drei Wochen erreichen. So nutzt beispielsweise der deutsche Automobilhersteller Porsche seit April 2019 die neue Infrastruktur, um seine Fahrzeuge schnell zu den Kunden im Fernen Osten zu bringen: Lediglich gut 20 Tage braucht eine Lieferung jetzt nur noch vom Werk bis zum Händler. Eine immense Zeitersparnis, die den Wünschen der anspruchsvollen Premiumkunden entgegenkommt und die für Porsche den Ausschlag gab, als einer der ersten westlichen Fahrzeugproduzenten auf die neue Seidenstraße zu setzen.

Jährlich 8.000 Porsche auf der Schiene nach China

Gut 8.000 Sportwagen sollen zukünftig jedes Jahr über die Schiene ins Reich der Mitte rollen. Das entspricht gut einem Zehntel des dortigen Porsche-Absatzes. Hellmann Worldwide Logistics aus Osnabrück wurde mit der gesamten logistischen Abwicklung beauftragt. Das Unternehmen hat bereits mehr als sechs Jahre Erfahrung in der Betreuung von Schienentransporten verschiedener Kunden auf der geschichtsträchtigen Route und gilt daher als Vorreiter bei der Nutzung der neuen Seidenstraße. „Gemessen an der Tonnage haben wir allein im vergangenen Jahr das Äquivalent des Kölner Doms auf der Schienenverbindung transportiert“, berichtet Matthias Magnor, Chief Operating Officer Road & Rail bei Hellmann. „Bemerkenswert ist, dass wir seitdem nicht einen einzigen Container verloren haben – das ist ein klares Signal für die hohe Qualität dieses Transportweges.“ Dieses Maß an Verlässlichkeit und Sicherheit könne der Transport über See nicht zu jeder Zeit bieten.

»Dass sich Porsche bewusst für die Seidenstraße entschieden hat, sendet positive Signale in die Automotive-Welt, aber auch in Richtung anderer Branchen.«

Matthias Magnor, Chief Operating Officer Road & Rail bei Hellmann Worldwide Logistics

Als First Mover positioniert

Auch der Auftrag von Porsche ist reibungslos angelaufen, und die kurze Lieferzeit provoziert rasch mehr Nachfrage: Bereits jetzt wollen weitere Händler in verschiedenen chinesischen Provinzen den Schienenweg nutzen. „Die beschleunigte Lieferung ist ein echter Mehrwert, den die Händler ihren Kunden bieten können“, so Magnor. „Die Marke positioniert sich im hart umkämpften Luxussegment somit als First Mover mit einer logistischen Qualität, die andere Hersteller noch nicht bieten können.“ Doch nicht nur für die Automobilbranche erwartet er von diesem Projekt der Asien-Logistik eine hohe Strahlkraft: „Dass sich Porsche bewusst für die Seidenstraße entschieden hat, sendet positive Signale in die Automotive-Welt, aber auch in Richtung anderer Branchen.“

Beim Transport der Neuwagen aus deutscher Fertigung nach China arbeitet Hellmann eng mit der Logistikgruppe EUROGATE zusammen. An deren Container-Terminal Bremerhaven werden jeweils zwei Fahrzeuge pro Transporteinheit in Container gestaut und auf Güterzüge verladen. Eine von Hellmann entwickeltes GPS Tracking-Tool namens Smart Visibility, das an die Container angebracht wird, erlaubt dank Solarbetrieb die Datenübermittlung für ein durchgängiges Tracking und Tracing der kostbaren Schienenfracht. Zwei komplette Züge machen sich jede Woche auf den gut 11.000 Kilometer langen Weg. „EUROGATE leistet dabei ganz hervorragende Arbeit und ist ein wichtiger Partner für uns“, betont Magnor. Das Ziel der Containereinheiten ist ein Hub in Chongqing, der Anfang 2019 eröffnet wurde. Dort werden die Fahrzeuge auf die Zertifizierung durch die chinesische Regierung vorbereitet, bevor sie an die Händler weiterverteilt werden können.

Für viele Branchen attraktiv

Von Zeitersparnis und Transportsicherheit auf der Schiene profitieren vor allem Hightech-Branchen, bei denen Container oft eine besonders hohe Wertdichte haben: „Schnellere Transportwege haben hier einen enormen Effekt, denn sie halten die Kapitalbindung möglichst gering“, erklärt Matthias Magnor. Interessant ist dieser Weg auch für den Consumer-Bereich, wenn beispielsweise in der Unterhaltungselektronik mit kurzen Produktlebenszyklen oder in der Mode mit schnellen Kollektionswechseln gearbeitet wird. „Im Automotive-Segment ist die Seidenstraße nicht nur für OEMs attraktiv, sondern für die gesamte Zulieferindustrie“, sagt Magnor. „Der Schienenweg ist beispielsweise eine Alternative bei hohen Gewichten, die nicht geflogen werden können, oder bei Komponenten, die in engen Zeitfenstern auszuliefern sind.“ Weitere Potenziale in der Asien-Logistik sieht er für den Anlagenbau, für Maschinen oder auch für Ersatzteilverkehre.

Hellmann will auf dem Projekt mit Porsche aufbauen und weitere Kunden gewinnen. „Die Idee der Seidenstraße ist längst den Kinderschuhen entwachsen. Sie etabliert sich zusehends als verlässliche und wichtige dritte Säule des interkontinentalen Transports“, ist Magnor überzeugt. Aufgrund der Vielsprachigkeit entlang der Route seien die Administration und die Behördenformalitäten in den durchquerten Ländern zwar mit einem gewissen Aufwand verbunden. Bürokratische Hürden gebe es aber kaum noch zu meistern, alles sei eingespielt. Da auf den Streckennetzen zwei unterschiedliche Spurweiten genutzt werden, sind zwar zwei unfreiwillige Stopps notwendig – die kosten aber, gemessen an der Gesamtdistanz, kaum Zeit.

Europa und China profitieren gleichermaßen

Um seine Vorreiterrolle weiter auszubauen, hat Logistiker Hellmann Anfang Juni 2019 mit der United Transport and Logistics Company – Eurasian Rail Alliance (UTLC ERA) eine enge Zusammenarbeit vereinbart. UTLC ERA ist ein Logistik-Joint-Venture, an dem zu gleichen Anteilen die Staatsbahnen von Kasachstan, Weißrussland und Russland beteiligt sind. Es war auch frühzeitig in die Realisierung des Transportkonzepts für die Porsche-Komplettfahrzeuge eingebunden. Die Kooperation soll die Weiterentwicklung effektiver Containertransporte zwischen Europa und China vorantreiben und die Kapazitäten im Schienengüterverkehr in den kommenden Jahren nachhaltig steigern. Alle Bahnsignale stehen somit auf Abfahrt, meint Matthias Magnor: „Ich sehe kurz- und auch mittelfristig keine Kapazitätsengpässe auf der Seidenstraße. Im Gegenteil: Die Kapazitäten werden weiter wachsen – in demselben Maß, in dem dieser Transportweg nachgefragt wird. Davon profitieren Europa und China gleichermaßen. Ebenso hat die neue Seidenstraße positive Auswirkungen auf alle Regionen links und rechts der Strecke.“

»Wenn sich deutsche und europäische Unternehmen nicht mit den Chancen der Seidenstraße beschäftigen, werden wir früher oder später abgehängt.«

Prof. Dr. Michael Schüller, Hochschule Osnabrück, Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Management/Supply Chain Management

Verpasste Chancen

Die Perspektiven sind aus Sicht der Logistikwirtschaft also vielversprechend. Doch wie nehmen die Bewohner der Anrainerstaaten der Seidenstraße die Entwicklung wahr? Wissen sie überhaupt davon? Und wie wird die Rolle der chinesischen Wirtschaftspolitik bewertet? Mit diesen Fragen beschäftigte sich im Frühjahr 2019 ein interkulturelles Projekt der Universität Hefei in der chinesischen Provinz Anhui und der Hochschule Osnabrück. „Viele deutsche Unternehmen nehmen die Möglichkeiten, die sich mit der Seidenstraße verbinden, noch nicht einmal ansatzweise wahr. Damit werden viele Chancen auf sträfliche Weise verpasst“, schildert Prof. Dr. Michael Schüller von der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Management/Supply Chain Management an der Hochschule Osnabrück. Ganz anders sei dies in China selbst, aber auch beispielsweise in Kasachstan: „Diese unterschiedlichen Sichtweisen auf die Seidenstraße wollten wir im Zuge des Projekts eingehend untersuchen.“ Schüller hatte die Idee zu dem Forschungsvorhaben und begleitete die Studierenden auch vor Ort.

Hefei ist die chinesische Partnerstadt von Osnabrück. Durch das Studienprogramm „Internationales Logistikmanagement China“ besteht bereits eine enge Beziehung zwischen den beiden Hochschulen. Die Studierenden arbeiteten in gemischten Teams zusammen: Eine Gruppe startete in Hamburg, die zweite in Shanghai. In Almaty in Kasachstan trafen sie zusammen, um mit einer dritten Gruppe an der Deutsch-Kasachischen Universität ihre Reiseeindrücke und Recherchen auszuwerten. Entlang der Route Hamburg–Hefei besuchten die Studierenden zahlreiche Warendrehkreuze und Handelsmetropolen in China, Kasachstan, Russland, Polen und Deutschland.

Viel Euphorie, aber auch Befürchtungen vor einer zu großen Dominanz Chinas konnten die Osnabrücker Studenten Philipp Röttges (links) und Christian Greiten entlang der neuen Seidenstraße beobachten.

Überraschende Eindrücke und Einsichten

Die Reise zwischen West und Ost fand fernab der üblichen touristischen Routen statt und brachte viele überraschende Eindrücke und Einsichten. „In meinem Freundeskreis weiß kaum jemand, was sich hinter dem Seidenstraßen-Projekt Chinas verbirgt. Generell wird das Thema hierzulande ja eher vernachlässigt“, berichtet Philipp Röttges, der im fünften Semester Internationales Business Management mit Schwerpunkt Logistik studiert und zur Reisegruppe Hamburg–Almaty gehörte. Ähnliches konnten die Studierenden auch in Russland beobachten. „Ganz anders waren unsere Eindrücke hingegen in Kasachstan: Dort kennt buchstäblich jeder die Seidenstraße, die Erwartungen, besonders hinsichtlich der wirtschaftlichen Chancen, sind hoch. Allerdings gibt es auch Befürchtungen vor einer zu dominanten Rolle Chinas“, sagt Röttges.

Allgegenwärtig ist das Projekt Seidenstraße auch in China, ergänzt Christian Greiten. Er studiert Betriebswirtschaftslehre und Management im sechsten Semester und war Teilnehmer der Reisegruppe Shanghai–Almaty. „Manchmal wirkte es so, als könnten alle Studenten die Staatspropaganda zur Seidenstraße auswendig aufsagen.“ Nicht verhehlen wollen die beiden, dass es kritische Zwischentöne und Erfahrungen gab. So hätten sie in Kasachstan mehrmals gehört, dass die Menschen dort fürchteten, die eigene Kultur aufgrund der chinesischen Dominanz zu verlieren. Nachdenklich stimmten auch stundenlange Passkontrollen etwa an der Grenze zwischen China und Kasachstan, ebenso wie die offiziellen chinesischen „Begleiter“, die die Studierenden selbst beim Stadtbummel oder einem Abendessen in fröhlicher Runde nicht aus den Augen lassen wollten.

„Die Eindrücke aus dem Projekt bestätigen die unterschiedlichen Perspektiven auf die Seidenstraße“, sagt Prof. Schüller. „Während man in China geradezu euphorisch ist und die Seidenstraße nicht nur als Handelsroute, sondern gar als friedensstiftendes Projekt versteht, sind wir in Europa doch vielfach kritisch-verhalten.“ Eines aber stehe fest, so der erfahrene Wissenschaftler und Ehrenprofessor der Universität Hefei: „Wir können uns um dieses Thema nicht herumdrücken, sonst werden wir früher oder später wirtschaftlich abgehängt.“

Europa und China sollen enger zusammenrücken

Das länderübergreifende Uniprojekt setzt einen intensiven interkulturellen Dialog in Gang: „Die Teams haben sehr gut funktioniert, wir sind auch heute noch mit den chinesischen Kommilitonen in Kontakt“, berichten die beiden Osnabrücker Studenten. Beide sind sehr beeindruckt von den Logistik-Hotspots, die sie besucht haben – von den Hubs zur Umspurung der Bahnen an der polnisch-russischen Grenze ebenso wie vom riesigen Hafen von Shanghai. Sie haben einen Film produziert, der sie immer daran erinnern wird. „Ich möchte China auf jeden Fall noch einmal bereisen und näher kennenlernen“, sagt Christian Greiten.

Prof. Schüller kann sich vorstellen, in einigen Jahren erneut ein ähnliches Reiseprojekt zu realisieren. Gleichzeitig arbeitet er an einer weiteren Idee: „Meine Vorstellung ist es, ein Netzwerk von Universitäten entlang der Seidenstraße zu knüpfen, etwa zwischen Osnabrück, Moskau und Almaty, um gemeinsam einen Master-Studiengang für ein interkulturelles Studium aufzubauen.“ Schließlich sei es wichtig, dass Europa und China nicht nur mit der Schienenverbindung enger zusammenrücken, sondern auch kulturell. Hier schließt sich der Kreis zur Logistikwirtschaft. Matthias Magnor von Hellmann verbindet mit der Seidenstraße keineswegs nur Chancen in Richtung China: „Asien ist ja noch viel größer und bietet ein enormes Potenzial. Dabei hat Handel keineswegs nur eine wirtschaftliche Dimension, sondern führt am Ende immer auch Menschen zusammen.“

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